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Nepper, Schlepper, Bauernfänger - Künstliche DNA und das Geschäft mit der Angst

07.09.2012 14:05

Es soll ja immer noch Bundesländer geben, in denen die Polizei sieben, acht Hebelspuren an einer Terrassentür als Sachbeschädigung anstatt eines versuchten Wohnungseinbruches in der Kriminalstatistik (PKS) erfasst, damit diese Tat einigen Polizeiführern und Innenpolitikern nicht die Aufklärungsquote verhagelt und sie sich weiterhin mit ihren Zahlen rühmen können. Ihr Land wird dadurch zwar nicht sicherer, aber es lässt sich halt besser verkaufen. Das gleiche Phänomen der Tatsachenverdrängung beim Wohnungseinbruchsdiebstahl erlebt man, wenn man einige Polizeivertreter und Politiker über die angebliche neue Wunderwaffe „künstliche DNA (kDNA)“ berichten hört.

Nepper, Schlepper, Bauernfänger - Künstliche DNA und das Geschäft mit der Angst

Grafik: Madeleine Price Ball

Beim Wohnungseinbruch handelt es sich um ein traditionell schwer aufzuklärendes Delikt. Die Gründe dafür sind vielfältig und sollen hier gar nicht alle aufgezählt werden. Die Grundlage für die schlechte Aufklärungsquote ist aber politisch und auch polizeilich hausgemacht: Leistungsfähige kriminalpolizeiliche Strukturen wurden fast in allen Bundesländern aus ideologischen Gründen zerschlagen. Parallel wurde und wird immer noch mittel- und unmittelbar in allen Bereichen, bei Beamten und Tarifbeschäftigten, der Schutz- und Kriminalpolizei, Personal abgebaut.

In vielen Ländern wird der Wohnungseinbruch nur noch stiefmütterlich bearbeitet. Anstatt bei Einbruchsversuchen vor Ort zu ermitteln, werden diese oftmals, wie z.B. auch in Bremen, an eine sogenannte ZENTRAB (Zentrale Anzeigenbearbeitung) übersandt, wo - laut Bremer Senat - „Straftaten ohne Ermittlungsansatz und ohne Tatverdacht zentral, beschleunigt und abschließend bearbeitet werden“. Die Vorgänge werden dort natürlich nicht wirklich – und schon gar nicht aus kriminalistischer Sicht – bearbeitet, sondern lediglich verwaltet, statistisch erfasst und an die Staatsanwaltschaft geschickt. So kann man natürlich keine Täter ermitteln. Dafür können aber die engagierten Kolleginnen und Kollegen nichts, die in der ZENTRAB arbeiten. Dass der Großteil der Wohnungseinbrüche in Bremen so „abgearbeitet“ wird, ist ein struktureller Fehler, der aber polizeilich und politisch so gewollt ist. Wissen das eigentlich die Bürgerinnen und Bürger?

Der FOCUS berichtet in seiner aktuellen Ausgabe (Nr. 36 vom 3. September 2012): 

„Der Senator konnte kaum an sich halten. Die Polizei besitze jetzt ein „Wundermittel“, so jubelte Ulrich Mäurer (SPD), Chef der Bremer Innenbehördeim Februar 2009. Künstliche DNA (kDNA) werde künftig Einbrechern im Stadtstaat das Klauen verleiden...Es war, als verspräche ein Zauberer, die Hochburg der Einbrüche von ihrem Fluch zu befreien.“

Nach einem vorübergehenden Rückgang steigen seit 2007 die Einbruchszahlen bundesweit wieder deutlich an. In Bremen sind die Wohnungseinbrüche in 2011 nochmal um 22,5% angestiegen. Parallel wurden seit 2007 bei der Polizei Bremen Stellen im dreistelligen Bereich eingespart.

Anstatt auf auseichend operative Kräfte und eine leistungsstarke kriminalpolizeiliche Struktur zu setzen, die die wesentlichen Bausteine bei der Bekämpfung des Wohnungseinbruchsdiebstahl sind, schwört man in Bremen statt dessen also auf künstliche DNA. Beim Start des Experimentes auf Kosten der Sicherheit der Bremer Bürgerinnen und Bürger sagte 2009 Innensenator Ulrich Mäurer, dass er mit einem Rückgang der Diebstähle um 50 bis 80 Prozent rechne und berief sich dabei auf Angaben des kDNA-Herstellers. Der Haken ist nur, dass die Werte ausschließlich auf den Herstellerangaben aus angeblichen Erfahrungen aus England beruhen, nicht verifiziert und auch nicht durch eine wissenschaftliche Studie belegt sind. Was man aber mittlerweile weiß, ist, dass sich kaum ein Täter aufgrund der entsprechenden Warnaufkleber von seiner Tat abhalten lässt und dass sich kDNA, zumindest die Variante eines englischen Herstellers, entgegen deren Angaben mit Lösungsmitteln, wie z.B. Bleiche, einfach wieder entfernen lässt. Wurde die Lebensdauer der kDNA anfänglich noch mit „Lebenslang“ angegeben, musste der Hersteller diesbezüglich mittlerweile zurückrudern, denn die kDNA, die sich für viele Gegenstände, wie z.B. Schmuck, überhaupt nicht eignet, zersetzt sich teilweise schon nach wenigen Wochen nach dem Auftragen wieder.

Im Hinblick auf die Absatzwege des Diebesguts wird es in puncto Zuordnung schwierig, sobald es über die Landesgrenze transportiert wird. Denn nur in Bremen und im angrenzenden Oldenburg wurden die Polizisten mit einer UV-Taschenlampe ausgerüstet, damit sie kDNA-markierte Gegenstände überhaupt erkennen können. Schon im niedersächsischen Umland ist eine mögliche Zuordnung nicht möglich.

Der FOCUS weiter: 

„Dreieinhalb Jahre später schweigt Mäurer über die ernüchternde Wahrheit. Seit Januar 2012 hält die Bremer Polizei eine Studie unter Verschluss. Der Projektbericht, dessen Zusammenfassung FOCUS vorliegt, lässt allen Jubel verstummen. Die verbreiteten Erfolgszahlen wichen „teilweise gravierend“ von der Realität ab, schreiben die Forscher. Einen wissenschaftlichen Beweis für die Wirksamkeit künstlicher DNA gebe es „derzeit nicht“...Seit Ende 2009 animiert die Polizei die Bremer, kDNA-Kits zu kaufen. Bei gut 5000 von 300 000 Haushalten in der Stadt hatte die Werbetour bis dato Erfolg... Zum Export-Hit taugt das Projekt kaum, das „Wundermittel“ bleibt Wortzauberei. Senator Mäurer kleinlaut: Bei den hohen Einbruchszahlen in Bremen „sind wir ratlos".“

Ratlos, Herr Mäurer? Die Antworten kennen sie alle, sie gefallen ihnen nur nicht, weil sie Geld kosten. Nicht einen einzigen Täter konnte man in Bremen seit 2009 aufgrund der kDNA überführen. Nicht gerade ein überzeugendes Verkaufsargument für ein „Wundermittel“.

Wenn man das Delikt des Wohnungseinbruchs ernsthaft bekämpfen will, braucht man „Manpower“ – kriminalistisch und operativ. Gerade in einem Stadtstaat wie Bremen bietet sich für dieses Delikt zudem eine zentralisierte Sachbearbeitung an. Sorgen sie dafür, dass an jedem Tatort die Spurensicherung eingesetzt wird und dass mehr erkennungsdienstliche Behandlungen bei Tätern und Tatverdächtigen durchgeführt werden. Dann sorgen sie dafür, dass es nicht mehr 18 Monate und länger dauert, bis die kriminalpolizeilichen Sachbearbeiter „echte“ DNA-Spuren von der KTU ausgewertet zurückbekommen. Darüber hinaus gibt es noch weitere Möglichkeiten, die den Rahmen dieses Beitrags aber sprengen würden. „Zaubertricks“, da muss ich Herrn Mäurer vielleicht enttäuschen, gehören jedenfalls nicht dazu.

Man kann es gar nicht oft genug sagen, aber der beste und effektivste Schutz gegen einen Einbruch ist und bleibt, dafür zu sorgen, dass es Tätern so schwer wie möglich gemacht wird, in die Wohnung zu gelangen. In jedem besseren Baumarkt gibt es diverse Produkte für Fenster und Türen zu kaufen, die einem Einbrecher das Leben schwer machen. Kommt dieser nicht nach einer sehr kurzen Zeitspanne in die Wohnung, wird er in fast allen Fällen von einem Einbruch absehen. Die kriminalpolizeilichen Beratungsstellen helfen gerne - übrigens kostenlos - weiter, um das Eigenheim einbruchssicher zu machen. Dabei kann jeder Bürger dann für sich selbst entscheiden, ob er zusätzlich vielleicht noch einen Tresor, eine Alarmanlage oder evtl. auch kDNA haben möchte. Ein kDNA-Kit kostet derzeit 75 Euro, dazu kommen noch die Gebühren für die Registrierung in der firmeneigenen Datenbank, damit Stehlgut später überhaupt wieder zugeordnet werden kann. In Großbritannien sollen bereits über 1 Million Haushalte ein solches Kit gekauft haben. Eine echte Gelddruckmaschine. Gerade wenn sich die Polizei, wie in Bremen, so vor den Karren eines Unternehmens spannen lässt.

 

André Schulz
Bundesvorsitzender

 

*** Update - 11.09.2012: Nachdem der BDK sich mehrfach fachlich kritisch und auch medial zum Thema kDNA in Bremen geäußert hatte, berief heute die Polizei Bremen eilig eine Pressekonferenz ein. Polizeipräsident Lutz Müller gestand dabei den Mißerfolg des Pilotprojektes ein und erklärte, dass man das Projekt in der jetzigen Form nicht weiter verfolgen werde.
*** Update - 12.09.2012: Heute wurde bekannt, dass an einem Messestand des Unternehmens SelectaDNA in Leipzig ein kDNA-Produkt vom Zoll sichergestellt wurde. Tatvorwurf nach derzeitigem Kenntnisstand: Verletzung des Patentrechts (Patent EP1714194B1). Bei der Firma SelectaDNA handelt es sich um einen Hersteller von kDNA und um den Kooperationspartner der Polizei Bremen und der Polizei Brandenburg bei dem Projekt "künstliche DNA".

 

 

erstellt von Lindner, Lars zuletzt verändert: 18.10.2012 11:32
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