Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Bund Deutscher Kriminalbeamter Bezirksverband Köln
Sektionen
 
Sie sind hier: Startseite Landesverbände Nordrhein-Westfalen Bezirksverbände Köln Blickpunkt Blickpunkt 1/2014 Hacktivismus
Anmelden


Passwort vergessen?
Neuer Benutzer?
 

Hacktivismus

Das Phänomen und seine kriminologische Beforschung

 

In einem seit Anfang 2013 laufenden Projekt hat sich die „Forschungs- und Beratungsstelle Cybercrime“ des Kriminalistischen Instituts des BKA dem seit einigen Jahren medial sehr präsenten Phänomen des Hacktivismus mit seinen Ausprägungen und der Abgrenzung zu anderen Deliktsbreichen von Cybercrime gewidmet. Nach Abschluss der ersten Projektphase zum Hellfeld, die im Januar 2014 mit einem Arbeitstreffen im BKA finalisiert werden konnte, sind erste Erkenntnisse zum bislang phänomenologisch, statistisch und rechtlich wenig erforschten Phänomen zusammengetragen, ausgewertet und aufbereitet worden.

Hacktivismus stellt die Verbindung des Hackings mit dem Geist des Protestes und damit einhergehenden neuen Arten des sozialen Umgangs seit dem Ende des 20. Jahrhunderts dar. Die Motivation der als Hacktivisten bezeichneten Täter begründet sich häufig in politischen und ideologischen Zielen, wobei die Täter Mittel der modernen Kommunikation und Fertigkeiten des Hackings nutzen, um ihre Ziele zu vermitteln und durchzusetzen. Die Handlungen der Hacktivisten können aber auch durch Spaß am Hacking, die Gewinnung von Anerkennung und Respekt in der Szene oder die Erzeugung von Spannung gegen Langeweile motiviert sein.

In den Aufmerksamkeitsfokus rückte Hacktivismus Hacktivismus 1insbesondere durch Aktivitäten der „Gruppierung“[1] ANONYMOUS, die sich seit ca. zehn Jahren mit Aktionen gegen Opfer aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft und dem typischen Erscheinungsbild der Guy-Fawkes-Maske eine gewisse Prominenz erkämpft und einhergehend anscheinend eine neue Form des gesellschaftlichen Protests etabliert haben.

Die Methoden und Instrumente der Hacktivisten sind aber keineswegs ausschließlich ziviler Ungehorsam oder Kavaliersdelikte. Vielmehr bewegen sich die Aktionen zum Teil auch gegen informationstechnische Infrastrukturen und persönliche Daten im strafbewehrten Bereich und unterliegen der Strafverfolgung. Bezogen auf das deutsche Strafrecht sind insbesondere die §§ 202 a, b, c und 303 a, b StGB einschlägig.

Hacktivisten versuchen ihre Botschaften und Ziele oft durch Web-Defacements und Distributed-Denial-of-Service-Attacken (DDoS) durchzusetzen. Das heißt, die Täter greifen entweder Webseiten – vornehmlich mit Sicherheitslücken – an und verändern deren Inhalte in Richtung eigener Botschaften. Oder sie starten mittels speziell programmierter Tools und meist unter Nutzung von sog. Bot-Netzen groß angelegte Angriffe auf die Webseiten ihrer Opfer, die gezielt ausgewählt und angegriffen werden. Ziel ist es, ideologische Zeichen zu setzen und bestenfalls Maßnahmen beim Opfer zu erzwingen, die den Zielen der Täter entsprechen.

Hacktivismus 2

Das BKA-Projekt verfolgt das Ziel, empirisch fundierte, kriminalistisch-kriminologische Erkenntnisse zum Phänomen zusammenzutragen, wobei diese Erkenntnisse drei Bausteinen zugeordnet werden können:

1. Basis-Phänomenologie: Hierzu zählen Daten zur Vorgehensweise und zu Verschleierungstechniken sowie zur Infrastruktur bzgl. der Kommunikation, Logistik und Timing.

2. Szene-Trend: Hier werden Informationen zu Entwicklungen und Trendwechseln, aktuelle Szenedynamiken, Schäden aber auch zu begrifflichen Abgrenzungen zusammengeführt.

3. Täter-Typologien: Hierunter fallen Aussagen zum Einzeltäter aber auch zu Tätergruppierungen wie z. B. Motive und Ideologien sowie soziodemographische und -ökonomische Merkmale.

Methodisch wurden diese Ziele durch eine Sekundär- und durch eine Fallanalyse umgesetzt: Im ersten Schritt des Projektes wurde eine Sekundäranalyse durchgeführt, bei der die internationale Forschungs- und Literaturlandschaft hinsichtlich der o. g. relevanten Informationen ausgewertet und entsprechende Erkenntnisse zum Phänomen zusammengefasst wurden.

Für die Fallanalyse wurde bei den Landeskriminalämtern und Polizeidienststellen der Länder sowie den Landesjustizverwaltungen und den nachgeordneten Staatsanwaltschaften eine Falldatenerhebung durchgeführt, bei der mehr als 180 relevante hacktivistische Einzelfälle und -vorgänge zugeliefert wurden. Die übermittelten Informationen wurden hinsichtlich der o. g. Punkte der drei Bausteine (Phänomenologie, Szene-Trend, Täter-Typologien) ausgewertet und  statistisch analysiert.

Den Abschluss der ersten Projektphase zuHacktivismus 3m Hellfeld bildete ein Arbeitstreffen, an dem Experten aus unterschiedlichen mit Cybercrime und Hacktivismus betrauten Bereichen teilnahmen. Hier wurden die Ergebnisse der Sekundär- und Fallanalyse vorgestellt und diskutiert sowie Implikationen und Handlungsempfehlungen für Strafverfolgung, Prävention und Forschung herausgearbeitet.

Zu den wichtigsten Resultaten des Treffens gehört u. a., dass ein Großteil der Erkenntnisse aus Sekundär- und Fallanalyse auch die (Erfahrungs-)Praxis der Experten widerspiegeln.[2] Zu dem stets aktuellen Punkt der definitorischen, rechtlichen und statistischen Erfassung lässt sich festhalten, dass

-          das Phänomen klar definiert werden muss,

-          keine Notwendigkeit gesehen wird, für das Phänomen einen neuen Straftatbestand einzurichten,

-          jedoch diskutiert werden sollte, ob die relevanten Strafrahmen noch besser[3] ausgeschöpft werden können und dass

-          die kriminalstatistische Erfassung weitere Parameter zu Cybercrime-Phänomenen aufnehmen sollte und eine Bund- und Länderweite einheitliche Umsetzung der statistischen Erfassung stattfinden muss.

Über die Größe des Dunkelfeldes lässt sich weiterhin nur spekulieren; die Annahme, dass es im Bereich von Cybercrime allgemein recht groß sein muss, fand gemeinhin Zustimmung, ob dies jedoch auch für das Phänomen Hacktivismus zutrifft, ist unklar.[4] Die Unternehmensbefragung als Möglichkeit zur Erschließung des Dunkelfelds wurde im Treffen unterstrichen und trotz der bekannten Zurückhaltung im Anzeigeverhalten von Unternehmen als Methode befürwortet.

Im Rahmen der Überlegungen zu präventiven Handlungsempfehlungen entstanden Vorschläge wie

-          eine verstärkte Ausprägung der sog. „Awareness“ auf Seiten der Nutzer und damit potentiellen Opfer,

-          die Sensibilisierung bezüglich der Strafbarkeit von Cybercrime-Delikten bzw. der Durchführung/Teilnahme an hacktivistischen Taten und damit auch die Verringerung der Akzeptanz solcher Taten.

Bezüglich der aktuellen Lage hacktivistischer Aktivitäten ließ sich einhellig festhalten, dass derzeit relative Ruhe herrsche, sich das jedoch sehr schnell ändern könne, insbesondere wenn es sich um die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm handeln sollte.

Nach der Befassung mit dem phänomenologischen Hellfeld des Hacktivismus soll in der weiteren Folge des Projektes insbesondere das Dunkelfeld beleuchtet werden. Hierzu sind u. a. Medienrecherchen und Unternehmensbefragungen geplant.

 

Die Autoren:

Roman Koch ist Kriminalkommissar im Fachbereich „Forschungs- und Beratungsstelle Cybercrime“ (KI 16) des Kriminalistischen Instituts im Bundeskriminalamt.

Wendy Füllgraf ist Kriminologin und sozialwissenschaftliche Mitarbeiterin in demselben Fachbereich.

Alle Fotos BKA

Kontakt: ki16@bka.bund.de



[1] Von Anonymous als einer Gruppierung im gemeinläufigen Sinne zu sprechen wäre irreführend, da die Zusammensetzung der Mitglieder in Zahl und Person nicht kontinuierlich ist, sondern sich immer wieder verändert. Hacktivistische Gruppierungen weisen allgemein maximal einen festen  Kern von wenigen Leuten auf, die Größe der Gruppe verändert sich jedoch abhängig von verschiedenen Faktoren.

[2] Hier sind insbesondere der modus operandi des Webdefacements, die unbekannte bzw. uneinheitliche Schadensgröße, die unbekannten Täter sowie die propagandistische Motivation zu nennen.

[3] D. h. dem Phänomen und dem Vorgehen angepasst.

[4] Hier besteht die Vermutung, dass Hacktivisten ihre Taten auf digitalen Plattformen „öffentlich“ machen und damit ins Hellfeld bringen und insofern auch der dunkelfeldbegünstigende Aspekt eines niedrigen Anzeigeverhaltens nur eine geringe Rolle spielen würde.

erstellt von Renno, Torsten zuletzt verändert: 06.10.2014 09:53
Artikelaktionen
  • Versenden
  • Drucken
  • Bookmarks