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Fachtagung "Serienbrandstiftungen"

Ein großer Brand ist ein faszinierendes Ereignis. Der Feuerschein, die Hitze, das Krachen, der Luftzug, der Kampf der Feuerwehr gegen das Feuer, all das kann einen Betrachter stark beeindrucken.
So begann einer der Referenten der Fachtagung seinen Vortrag und fast alle der 99 Teilnehmer der Tagung nickten zustimmend.

Die am 18. Mai 2010 wiederum im angenehmen Rahmen des RAMADA-Hotels Dresden stattfindende Fachtagung wurde diesmal einem eher als Randthema der polizeilichen Arbeit betrachteten Erscheinungsbild der Kriminalität gewidmet. Dem Landesvorstand war es gelungen, hochkarätige Referenten zu gewinnen.

Jugendliche und heranwachsende Brandstifter – Hintergründe und Motivlage

Prof. Dr. Gunther Klosinski

Prof. Dr. Gunther Klosinski
Universität Tübingen

Der Reigen begann am Morgen mit Prof. emeritus Dr. med. Gunther Klosinski, ehemaliger Direktor der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie im Kinder- und Jugendalter der Universität Tübingen.
Der Lehrstuhl von Professor Klosinski beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema „Brandstifter im Kindes- und Jugendalter“. Zudem ist Professor Klosinski auch als Gutachter für Gerichte tätig.

In seinem Vortrag ging er zuerst auf die historische Entstehung des Pyromanie-Begriffes ein, der in einem Gerichtsurteil des Preußischen Kammergerichts über eine 17-jährige Bauernmagd im Jahr 1794 erstmals Erwähnung fand. Nach Henke (1817) sei die „Feuerlust“ eine Folge der gestörten Pubertätsentwicklung, wobei Meckel (1820) den Terminus „Brandstiftungstrieb“ als „Neuentwicklungskrankheit“ bezeichnete. Letztlich, so Professor Klosinski, ist auch heute noch die offizielle WHO-Definition der Pyromanie („Brandstiftungen ohne Motiv“) umstritten. Nach seiner Erfahrung ist die tatsächliche Pyromanie sehr selten. Trotzdem weisen 90 Prozent der Brandstifter eine psychische bzw. geistige Störung (Ritchie und Huff, 1999), davon 36 Prozent aus dem schizophrenen Formenkreis, auf. Zusätzlich sind 64 Prozent der Brandstifter während der Tat alkoholisiert und etwa 30 Prozent der ermittelten Brandstifter waren Angehörige der freiwilligen Feuerwehr. Diese sind in der Regel Einzeltäter und bereits seit ihrem Eintritt in die Jugendfeuerwehr (über-)engagierte Feuerwehrleute. Berner und Spiel (1983) beschrieben eine recht spezifische psychopatische Persönlichkeitsstruktur bei jugendlichen Brandstiftern, hingegen Slavkin und Fineman (2000) in nichtpathologische und pathologische Brandstifter („Kinder zündeln aus Neugier“) unterschieden. Putnam und Kirkpatrick (2005) unterschieden bei Kindern und Jugendlichen als Brandstifter in acht Theorien, wobei Klosinski und Bertsch (2001) von einer Dreiteilung in „Nestanzünder“ (Einzelstraftäter, Vaterproblematik), „Feuerwehrmänner“ (mehr Einzeltäter, Geltungssucht) und in „Deliquente Restgruppe“ (z.B. Brandlegung zur Verwischung von Spuren) ausgehen.

Das Rückfallrisiko sei mit 32 Prozent unter Beachtung der Nichtbehandlung jugendlicher Brandstifter in den ersten ein bis drei Jahren nach der Ersttat recht hoch. Die von Sackheim und Osborn (1994) definierte Hochrisikogruppe unterteilt sich in fünf Subgruppen: Jugendliche Brandstifter mit Rachegefühlen/sexuell motivierte Adoleszente/Cry-for-help-Brandstifter/psychisch schwer auffällige Brandstifter und Brandstifter, die pyroman sind (selten).
So sind Brandstifter mit einem Novalis-Komplex (sexuelle Erregung) sehr selten, jedoch Brandstifter mit nachgewiesenem Empedokles-Komplex (Suizidal durch Brandlegung/Erweiterter Suizid durch Brandlegung) häufiger auftretend. Die Therapie von jugendlichen Brandstiftern gründet im Wesentlichen auf eine Verminderung der Kommunikationsstörung, sozialem Kompetenztraining, familientherapeutischem Vorgehen und einem Erleben, gebraucht zu werden.

„Sirko K. – eine Fallpräsentation“

Hubert Adler, Karl-Heinz Ewert

KHK Hubert Adler, KHK Karl-Heinz Ewert
Polizeidirektion Dresden, KPI, K 12

Die Ausführungen von Professor Klosinski waren eine gute Einstimmung auf den folgenden Vortrag der Kollegen KHK a.D. Hubert Adler und KHK Karl-Heinz Ewert vom Kommissariat 12 der Polizeidirektion Dresden.
Beide Kollegen präsentierten sehr ausführlich eine Falldarstellung der größten Serienbrandstiftung des Freistaates Sachsen, die seinesgleichen wohl auch auf der ganzen Welt sucht.
Der bei seiner Festnahme 26-jährige Sirko K. aus Radeberg stand im Verdacht, im Zeitraum von Ende 2003 bis zum 04.07.2005 mehr als 260 Brandstiftungen begangen zu haben, davon 64 an Personenkraftwagen. So hatte er Häuser, Baracken, Container, LKWs und Personenkraftwagen in Tiefgaragen oder auf Parkplätzen in Brand gesetzt.

Die Kollegen schilderten sowohl die Ermittlungen als auch parallel die dynamische Entwicklung des Brandstifters von den ersten Versuchen bis zum mehrfachen Zündeln an einem Tag.
Adler und Ewert schilderten den mühsamen Prozess der Erkenntnisgewinnung, die Irrungen und Wirrungen sowie die oft mangelnde Unterstützung durch die dienstliche Leitung. „Es waren eben nur Brände“, sagte Hubert Adler. So entstand eine Vergleichsreihe gleichgelagerter Taten zu zeitlichen und örtlichen Zusammenhängen und mit ähnlichen Begehungsweisen. Eine enge Zusammenarbeit mit dem langjährig erfahrenen Kriminalisten Harry Jäckel aus dem LKA Brandenburg entstand bei der Erstellung eines Täterprofils.

Auch zu Brandversuchen an je einem Pkw vom Typ Nissan und Volvo haben sich die Ermittler in Zusammenarbeit mit dem KTI des LKA Sachsen und der Feuerwehr entschlossen, um besser verstehen zu können, wie ein Pkw in Brand gesetzt werden kann und wie sich der Brand in welchen Zeiträumen entwickelt.

Letztlich konnte der Tatverdächtige ermittelt werden. Die mehrere Tage andauernde Observation desTatverdächtigen gestaltete sich als sehr schwierig. Jedoch konnte er auf frischer Tat gestellt werden und wurde schließlich zu 5 Jahren und 8 Monaten Freiheitsentzug verurteilt. Er ging sofort in Privatinsolvenz, denn die Schadenshöhe seiner Taten ging in die Millionen.

Ermittlungsrelevante Denkansätze zu Bränden in Serie

Christian Krebs

KHK Christian Krebs
LKA Sachsen, Operative Fallanalyse (OFA)

Brände faszinieren, wenn sie nicht so unsägliches Leid hervorrufen würden.“ - Dritter Referent der Tagung war Christian Krebs vom Dezernat 41 des LKA Sachsen, Bereich OFA/ViCLAS, der zunächst mit einem Gedicht (selbstverfasst?) zum Thema Brandstiftung überraschte.

Im Jahr 2009 fand ein Workshop des LKA Sachsen gemeinsam mit Vertretern anderer LKÄ im Aus- und Fortbildungsinstitut Bautzen statt. Brandstiftungen seien bisher nicht gerade ein Schwerpunkt der Arbeit der OFA gewesen, man habe sich aber in das Thema eingearbeitet und sei nun bereit, die Dienststellen bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Man solle nicht zögern, die Hilfe der OFA anzufordern, „auch wenn Sie der Siebte in der Warteschlange sein sollten“, so Kollege Krebs. Er habe Verständnis dafür, wenn es den ersuchenden Dienststellen sicherlich einige Überwindung kostet, wenn die OFA in die Ermittlungen einbezogen werden soll. Schließlich lasse man sich da „in die Karten gucken“. Das Gewesene wird erkannt, das Nichterledigte offenbart sich.

Jedoch könne die OFA durchaus aus einem anderen Blickwinkel die Untersuchungen betrachten und neue Denkansätze bieten. So bietet gerade die erkannte Serie von Brandstiftungen einen mehrfachen Informationsgewinn aus dem mehrfachen Handeln des Täters. Der Denkansatz der OFA ergebe sich einerseits aus der dem Objektiven ableitbaren Täterentscheidung und dem Handeln des Täters und andererseits bestehe die Chance, den Täter so zu beschreiben, dass er zu ermitteln ist. Das Ziel sei hierbei, die wahrscheinlichsten Merkmale des Täters zu erkennen, die ihn wiederum von anderen unterscheiden. Schwierigkeiten bestehen aber zunächst im Erkennen einer tatsächlichen Serie, bedingt durch formalpolizeiliches und territoriales Denken. Die Spezifik eines Brandstiftungstäters mache seine ihm immanente Einstellung gegenüber fremden Sachen, einer Konfrontation mit Personen und dem bestehenden Risiko bei der Tatbegehung aus. Der Teufelskreis der Serie entsteht aus dem „Nicht-aufhören-können“ bei dem Täter selbst.

In der weiteren Folge ging Kollege Krebs auf die Themen „Vergleichsreihe“, „komplexe kriminalistische Auswertung“ und „Erster Angriff bei Neuanfall“ ein. Bei einer Serie von Brandstiftungen sei der Zusammenhang der Straftaten nur vom Täter ausgehend und auch nur von ihm bestimmt. Insofern könne der OFA-Denkansatz der Ableitung von der Tatspezifik zur Täterspezifik auch auf Brandstiftungen angewendet werden.

Serienbrandstiftungen aus der Sicht eines Brandursachenermittlers

Thomas Redmer

KHK Thomas Redmer
LKA Sachsen, KTI

Schlussreferent der Fachtagung war KHK Thomas Redmer vom KTI des LKA Sachsen. Er widmete seinen Vortrag dem Thema: „Serienbrandstiftungen aus der Sicht des Brandursachenermittlers“.
Dabei ging er noch einmal mit mehreren Bespielen auf die am Vormittag geschilderte Serie des Täters Sirko K. ein. Sehr anschaulich war sein Vortrag durch das Einspielen von Filmbeträgen und vielen Fotos zu spektakulären Bränden wie z. B. bei „Formguss“ in Radeberg, „Donaths Neue Welt“ in Dresden, „Betonwerk“ in Ottendorf-Okrilla, „Europalette“ in Radeburg und „Reifenhandel“ in Feldschlösschen. Kollege Redmer machte deutlich, dass die Klärung der Fragen zu den Brandursachen und Brandverläufen unerlässlich für das Erkennen einer Brandlegung bzw. einer Brandentstehung aus technischer Ursache ist. Hier untermauerte Kollege Redmer seine Erklärungen wieder mit viel Bildmaterial zu mehreren PKW-Bränden in Tiefgaragen.

Um die Wichtigkeit der Charakterisierung eines Brandverlaufes festzustellen, zeigte Kollege Redmer zwei Videos über die mit der Polizeidirektion Dresden an zwei Pkw unternommenen Untersuchungsexperimente zum Brandverlauf nach unterschiedlichen Mechanismen zur Brandlegung. Im Übrigen seinen seit dem Jahr 2000 im Freistaat Sachsen Brandmittelspürhunde im Einsatz. Zur Verfügung stünden gegenwärtig fünf derartige Spezialspürhunde.

Für die Tatortarbeit seien, so Redmer, landeseinheitliche Standards notwendig. Zuletzt schilderte er die Suche nach Brandentstehungsmöglichkeiten bzw. Brandursachen und gab Hinweise zur Spurensicherung und zur Verpackung von Gegenständen, die zur Untersuchung an das KTI gegeben werden.

Die Fachtagung zu einem so speziellen wie hochinteressanten Thema war über acht Stunden schließlich ein voller Erfolg. Bemerkenswert war die Anwesenheit von etwa einem Drittel der Tagungsteilnehmer, welche nicht Mitglieder des BDK sind.

Im nächsten Jahr wird die nunmehr schon zur guten Tradition gewordene Fachtagung des BDK Sachsen fortgesetzt.

Autor: Frank Nicolaus


Impressionen von der Fachtagung

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Durch Referate und Präsentationen am PC werden die strafrechtsrelevanten Bestimmungen, die Besonderheiten einer Tatortarbeit im Internet und die europäische und weltweite Dimension dieses Deliktesfeldes von Fachleuten praxisnah erläutert.
Europäischer Haftbefehl • Zollfahndung • Steuerfahndung • Sicherheitsstrukturen in Europa • Methoden professioneller Fahndung in Europa • Personenerkenntnisse mit Hilfe der Funkzellenauswertung • Zusammenarbeit der Mitgliedstaaten und der EU zur Bekämpfung des internationalen Terrorismus • 22. - 25.11.2010 KAS Wesseling