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Grundlagen für eine zukunftsfähige Kriminalitätsbekämpfung durch Direkteinstieg in die Kriminalpolizei schaffen

27.05.2012 21:02

Es ist ein ganz wesentlicher Aspekt für eine erfolgreiche Kriminalitätsbekämpfung, vielleicht der Wesentlichste: Der Direkteinstieg zur Kriminalpolizei. Diesen gibt es aktuell nur in Berlin, Hamburg, Hessen, Schleswig-Holstein und beim BKA. Einige zarte Pflänzchen sind derzeit in Niedersachsen und NRW erkennbar, wo vereinzelt junge Kolleginnen und Kollegen eine Zusage für die direkte oder kurzfristige Verwendung bei der Kriminalpolizei nach dem Fachhochschulstudium erhalten haben. Aber auch die anderen Bundesländer werden aus den Fehlern der Vergangenheit lernen und zeitnah den Direkteinstieg möglich machen müssen. Anders wird sich eine Verbrechensbekämpfung im 21. Jahrhundert mit den gestiegenen Anforderungen an die Kriminalpolizei nicht mehr gewährleisten lassen.

Grundlagen für eine zukunftsfähige Kriminalitätsbekämpfung durch Direkteinstieg in die Kriminalpolizei schaffen

Humboldt Universität in Berlin: Bis 1994 konnte hier Kriminalistik als eigenständiges Lehrfach studiert werden (Foto: Friedrich Petersdorff)

Wie sieht es in den Ländern denn aus, in denen die Kriminalistik und Kriminologie für Polizisten in einer Einheitsausbildung unter „ferner liefen“ unterrichtet wird und die Kolleginnen und Kollegen nach einer langjährigen Verwendung in der Schutz- und Bereitschaftspolizei erst so spät zur Kripo kommen, dass sie ihr ohnehin mageres Wissen um die Kriminalistik aus dem Studium schon fast wieder vergessen haben?

Ihnen zur Seite stehen als Leiter der Ermittlungen junge Staatsanwälte, die zwar gut Rechtsklausuren schreiben können mit Schwerpunkten im Zivilrecht, im Studium nach dem derzeitigen Lehrplan aber nichts von Kriminalistik gehört und im Referendariat eine dreimonatige Staatsanwaltsstation und eine neunmonatige Anwaltsstation durchlaufen haben. Dieses „Duo-Infernale“, wie es ein Jurist mal treffend nannte, ist einem Täter aus dem OK-Bereich kaum gewachsen. Die „Ermittlungserfolge“, unzureichende Beweisführungen für tatangemessene Verurteilungen, viele Einstellungen wegen nicht erwiesener Schuld und defizitäre Aufklärungsquoten sprechen eine deutliche Sprache.

Während es jedem einleuchtet, dass man mit einer Mandelentzündung nicht zum Proktologen und mit einem gebrochen Bein nicht zu einem Zahnarzt geht, sind viele Verantwortliche in den Länderpolizeien immer noch der Auffassung, dass der Einheitspolizist – der Generaldilettant – es schon richten wird. Während sich – um beim obigen Beispiel zu bleiben – Ärzte früh spezialisieren müssen, meinen einige selbsternannte Experten immer noch, dass es ausreicht, wenn man nach 30 Jahren Wach- und Wechseldienst seine letzte Arbeitsphase bei der Kriminalpolizei verbringen kann.

Anforderungen an die Schutz- und die Kriminalpolizei steigen ständig

Der Bedarf ergibt sich aus den Anforderungen, die heute an die Polizei zu stellen sind. Dabei sind die Anforderungen an die Schutzpolizei andere als die an die Kriminalpolizei. Um wenigstens „Waffengleichheit“ herstellen zu können, muss der Kriminalist heute über viele Fähigkeiten verfügen. Er muss ein technisches Gutachten lesen können und IT- und Fremdsprachenkenntnisse besitzen. Der Kriminalist muss Sachverständige sinnvoll einsetzen und als Psychologe die richtigen Fragen stellen können. Er muss seine rechtlichen Aufgaben und seine Grenzen kennen. Er sollte darüber hinaus ethisch gebildet und sozialwissenschaftlich beschlagen sein. Er sollte kombinieren und planen und dabei hartnäckig Spuren verfolgen können. Mit einer zweitklassigen Ausbildung ist dieses hochgesteckte Ziel aber nicht einmal ansatzweise zu erreichen.

Studiengang Kriminalistik an der DHPol unumgänglich

Außer der Forderung des Direkteinstieges bei den Kriminalpolizeien der Länder fordert der BDK die Einführung des Studienganges Kriminalwissenschaften mit Schwerpunkt Kriminalistik an der Deutschen Hochschule der Polizei in Münster, wo gezielt die Führung der Kriminalpolizei für die Führung der Kriminalpolizei fortgebildet werden muss. Das Kuratorium der DHPol, das von Führungskräften der Polizeiabteilungen der Innenministerien besetzt ist, hat sich auf Vorschlag des BDK zwar schon mit dem Thema befasst und sieht durchaus die Option einen alternativen kriminalwissenschaftlichen Studiums als 2. Studiengang. Die in der Polizei bekannten, oft der Kriminalpolizei und der Kriminalitätsbekämpfung aber nicht so zugeneigten Kräfte, sehen diesen speziellen Bedarf aber noch nicht. Sie werden von der Hochschullandschaft heute schon überholt. So bietet Prof. Dr. Feltes in Bochum einen Masterstudiengang Kriminologie und Polizeiwissenschaften an  (http://www.makrim.de).

Der Masterstudiengang schließt eine im deutschen Aus- und Fortbildungssystem vorhandene Lücke und will zur Qualifikation und Qualitätssicherung bereits bestehender Berufsfelder beitragen. Besonderer Wert wird gelegt auf die Einbeziehung der Praxiserfahrungen der Teilnehmer und eine breit angelegte Vermittlung von methodischen Kenntnissen und fachlichen Fähigkeiten. Dabei gehen wir davon aus, dass Kriminalität als komplexes gesellschaftliches Phänomen ebenso komplexe wie fachübergreifende Ansätze zur Analyse und Strategieentwicklung erfordert. Durch Vermittlung und Aktualisierung wissenschaftlicher Kompetenzen und Methoden werden Schlüsselqualifikationen für die Berufsfelder vermittelt. Der BDK dankt Prof. Dr. Feltes für diese Initiative!

Das polizeiliche Ausbildungssystem ist viel zu wenig innovativ, um sich kriminalwissenschaftlich auf der Höhe der Zeit zu bewegen. Die Kriminalwissenschaften spielen eine völlig untergeordnete Rolle, obwohl sie ein etabliertes Wissenschaftsgebäude darstellen. Die Qualität einer Kriminalpolizei und der Kriminalitätsbekämpfung in einem Land wird sich immer mehr an der kriminalwissenschaftlichen, rechtlichen und intellektuellen Qualität der Kriminalisten bemessen. Dazu bedarf es kriminalwissenschaftlicher Studiengänge an den Fachhochschulen des Bundes und der Länder, der DHPol, aber auch an Universitäten und anderen Hochschulen. Es ist keine Zeit mehr zu verlieren.

Ein weiterer Hoffnungsschimmer – School GRC: Neuer Studiengang Kriminalistik startet im Oktober 2012

Auf der Homepage der Deutschen Gesellschaft für Kriminalistik (DGfK), die die Entwicklung eigener Studiengänge für Kriminalistik als eines ihrer Satzungsziele postuliert und deren Zielsetzungen deshalb vom BDK unterstützt werden, ist seit 25.4.2012 zu lesen:

Erstmalig wird es im deutschsprachigen Raum seit etwa 20 Jahren wieder eine hochschulische Masterausbildung in Kriminalistik geben. Die School of Governance, Risk & Compliance (School GRC) an der privaten, staatlich anerkannten Steinbeis-Hochschule Berlin startet mit Initiative der Deutschen Gesellschaft für Kriminalistik (DGfK) im Oktober den zweijährigen, berufsbegleitenden Master-Studiengang für Criminal Investigation. Die Studierenden werden u. a. in die Kriminalwissenschaften eingeführt, umfassend in der Beweisführung fortgebildet und erlernen die Einsatzmöglichkeiten kriminalistischer Instrumente im Umfeld nicht-polizeilicher Behörden und der Privatwirtschaft.

 

Weitere Informationen über die School GRC und das Bewerbungsverfahren unter www. school-grc.de.

Der BDK setzt sich konsequent, kreativ und kritisch für die Entwicklung des Berufsbildes Kriminalpolizei ein

Wir brauchen deshalb jetzt sehr, sehr zeitnah ein eigenes, laufbahnrechtlich verankertes und entsprechend attraktiv gestaltetes Berufsbild für die Kriminalpolizei. Es muss die Bundesrepublik in die Lage versetzen, bei Neueinstellungen das Wissen zu rekrutieren, das für die Verbrechensbekämpfung der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft gebraucht wird. Der Fall des Eisernen Vorhangs, die Wiedervereinigung, die Globalisierung, der 11. September 2001, die EU-Erweiterung und die neuen Dimensionen der Verbrechensbekämpfung im World Wide Web machen jeweils eine Neuausrichtung der Kriminalpolizeien und ihres kriminalfachlichen und rechtlichen Wissens erforderlich. Die Abwanderung der Täter in die virtuelle Welt wird noch deutlich an Bedeutung zunehmen. Einer digitalisierten Kriminalitätsrealität muss mit einer auf digitale Spuren ausgerichteten Kriminalistik begegnet werden. Aber auch der Links- und Rechtsextremismus sowie die ständig drohende Terrorgefahr werden dauerhaft die polizeiliche Arbeit der Zukunft bestimmen und machen weltweite Konzeptionen zur Extremismusbekämpfung auf möglichst ähnlich hohem kriminalistischem Niveau erforderlich.

Kriminalpolizei braucht Experten

Ohne Expertenwissen kann heutzutage keine Polizei mehr erfolgreich arbeiten. Zusätzlich zu Kriminalbeamtinnen und Kriminalbeamten ist die Kripo unverzichtbar auf externes Expertenwissen aus all den Bereichen angewiesen, in denen auch die Täter Expertenwissen haben. Wir benötigen das Wissen von Bilanzbuchhaltern, Betriebs- und Volkswirten, Wirtschaftsprüfern, Steuerfachleuten, Chemikern, Physikern, Biologen, Elektroingenieuren, IT-Spezialisten, Informatikern, Islamwissenschaftlern und vielen mehr. Die Polizei steht bei der Gewinnung externen Fachpersonals in ständiger Konkurrenz zum freien Markt. Um von den Entwicklungen nicht abgekoppelt zu werden, ist es unverzichtbar, einerseits anforderungsbezogene Wertigkeiten, andererseits aber auch Entwicklungsmöglichkeiten zu schaffen. Außer einer angemessenen Verbesserung der Einkommen müssen schnellstmöglich weitere Lösungsmöglichkeiten wie z. B. Sonderlaufbahnen für Experten in der Kriminalitätsbekämpfung geschaffen werden.

Auch der Polizei bricht der Nachwuchs weg

Zu diesen Grundproblemen gesellt sich der demographische Wandel. Die meisten Kriminalpolizeien in den Ländern sind hoffnungslos überaltert. Der Fachverstand verschwindet damit in kürzester Zeit. Diese riesigen Lücken müssen durch gut ausgebildete junge Menschen gefüllt werden.

An der Frage, ob der Öffentliche Dienst in der Lage sein wird, sich im Wettstreit mit der Privatwirtschaft um die jungen klugen Köpfe durchzusetzen – also genau dem Personal, das für die Entwicklung einer modernen Kriminalpolizei unverzichtbar ist – wird sich entscheiden, wie sicher unser Land in der Zukunft sein wird und ob die Balance zwischen Wehrhaftigkeit und demokratischem Rechtsstaat gelingen wird. Für die Qualität der Kriminalpolizei der Zukunft wird die Mischung aus kriminalistischem Know-How, praktischer Erfahrung und akademischen, u. a. kriminalwissenschaftlichem Wissen entscheidend sein. Die Weichen dafür werden bereits heute und jetzt gestellt. Wer sich als politische Verantwortlicher heute hinstellt und glaubt, dass der vermeintlich sichere Beruf für Abiturienten als Anreiz ausreicht, um zur Polizei zu kommen, wird sich sehr zeitnah eines Besseren belehren lassen müssen.

Getrennte Einstellung für Schutz- und Kriminalpolizei

Junge Menschen entscheiden heute sehr genau, ob sie zur Schutz- oder zur Kriminalpolizei wollen. Für viele ist nur die Verwendung bei der Schutzpolizei attraktiv, für andere nur die bei der Kriminalpolizei. Den Einheitspolizisten können wir uns heutzutage bei der Komplexität der Kriminalitätsbekämpfung nicht mehr erlauben.

Der Polizei gehen viele junge Menschen „verloren“, die eben nicht eine jahrelange Verwendung bei der Bereitschaftspolizei oder im Streifendienst anstreben und dann mit der ungewissen Berufsperspektive, ob sie irgendwann mal zur Kripo kommen werden, leben wollen – und umgekehrt. Dieser Personenkreis verzichtet dann lieber auf eine Bewerbung, obwohl sie eine Bereicherung für die gesamte Polizei darstellen würde. Ideologische Betrachtungen sind hier fehl am Platze. Es geht um eine bestmögliche Ausbildung, sowohl für Schutz- als auch für Kriminalpolizisten.

Außer der Möglichkeit, den Beruf des Kriminalisten direkt ergreifen zu können, muss aber auch weiterhin die Wechselmöglichkeit aus der Schutzpolizei als sog. Aufsteiger aus dem mittleren Dienst mit anschließendem Kripo-Hochschulstudium und auch für bereits Angehörige des gehobenen Dienstes nach einer entsprechend intensiven kriminalistisch-kriminologischen Fortbildung möglich sein.

Überall nur Gewinner – Außer bei den Kriminellen

Es gäbe auf Seiten der Schutz- und der Kriminalpolizei, als auch bei den Schulabgängern, bei den politisch Verantwortlichen und bei den Bürgerinnen und Bürgern dieses Landes nur Gewinner, wenn sich in jedem Bundesland junge Menschen aussuchen könnten, ob sie zur Schutz- oder zur Kriminalpolizei gehen können. Die Bürgerinnen und Bürger würden eine noch leistungsfähigere Polizei bekommen.

Für die verantwortlichen Innenpolitiker wäre die Möglichkeit des Studiums zur Kriminalkommissarin/zum Kriminalkommissar ein attraktiver Vorteil im Kampf um die immer weniger werdenden Schulabgänger. Sie dürfen nur nicht auf die falschen Berater hören...

 

André Schulz

Bundesvorsitzender

 

 

erstellt von Schulz, Andre zuletzt verändert: 27.05.2012 21:02
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Pawelzik, Christian sagt
29.05.2012 09:58
Die alte Kriminalistenschule: Bei deer Komplexität des Themas kurz, knapp, präzise und absolut zutreffend. Wenn es denn nur auch die Verantwortlichen lesen und verstehen würden!
Küch, Ulf sagt
06.06.2012 09:39
Und genau das ist ein Teil unserer berufsverbandlichen Aufgabe des BDK in ganz Deutschland. Dafür streben und dafür kämpfen wir.
Vor dem Hintergrund der demografischen Entwicklung und den Prognosen der Wirtschaft zum Fachkräftemangel muss es einem kalt den Rücken herunterlaufen, wenn wir sehen, wie in den meisten Bundesländern an der Polizei herumgemurkst wird. Niedersachsen ist das Paradebeispiel dafür, was es bedeutet, wenn man über jetzt fast 20 Jahre den Generalisten ausbildet. Auch die jetzt eingeschlagene Richtung des Schwerpunktstudiums an der Akademie greift nicht richtig, da die politische Zielrichtung "vor Ort" durch unverbesserliche "Gleichschalter" oft wieder neutralisiert wird. Wie schon der alte GDP-Bundesvorsitzende in einem Inteview beim NDR unfreiwillig komisch aber treffend sagte: "Er (Generalist) kann von allem ein bißchen". Das reicht aber in unserer hochtechnischen und sich immer schneller weiter entwickelnden Welt nicht aus. Wir brauchen gut bezahlte und motivierte Kolleginnen und Kollegen bei der Schutzpolizei und dann aber auch angemessen besoldete und gut ausgebildete Kriminalistinnen und Kriminalisten. Fachkräfte, die sich aufgrund einer Höherbewertung nach A 11 in für sie vollkommen "fremde" Arbeitsbereiche (Sexualsachbearbeiter und Spezialist für sexuellen Missbrauches wird dann Dienstschichtleiter im Einsatz- und Streifendienst) bewerben müssen und dann in ihrer Fachlichkeit nicht mehr zur Verfügung stehen, sind organisierter Unfug.
Es wird höchste Zeit, dass die Politik hier aufwacht!!
Ulf Küch
Landesvorsitzender Niedersachsen
Bund Deutscher Kriminalbeamter

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