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Mobbing und innere Kündigung - auch bei der Polizei als Problem erkannt?

Portrait Odenkrichen (neu)

Ein Interview mit Michael Odenkirchen, Ass. jur.

Mobbing bei der Polizei war lange Zeit ein Tabuthema. Zu ernüchternd ist die Erkenntnis, dass auch und gerade eine Institution mit Schikanen am Arbeitsplatz zu kämpfen hat, die für die Einhaltung von Gesetz und Ordnung und den Schutz des Bürgers verantwortlich ist.

Die zunehmende Aufklärung über das Thema, aber auch in diesem Zusammenhang publik gewordene Suizide von Polizeibeamten/innen haben weiter für das Thema sensibilisiert. Das Vorgehen gegen Mobbing ist bei der Polizei als Führungsaufgabe erkannt.

Die Fürsorgepflicht des Dienstherrn und das Arbeitsschutzgesetz verpflichten Vorgesetzte, gegen Mobbing einzuschreiten und präventive Maßnahmen zum Schutz vor Mobbing zu ergreifen.

Herr Odenkirchen was ist eigentlich Mobbing?

Mobbing ist ein Sammelbegriff für feindselige und auf Ausgrenzung abzielende Aktivitäten am Arbeitsplatz: ein/e neue/r Kollege/in wird wie Luft behandelt, nicht in die neuen Aufgaben eingewiesen; es werden abfällige/anzügliche Bemerkungen gemacht, Gerüchte verbreitet etc..

Oder es werden Arbeitsleistungen ungerechtfertigt schlecht gemacht werden, zu viele/überfordernde Arbeitsaufgaben oder entwürdigende Arbeiten übertragen bzw. jemandem überhaupt keine Aufgaben mehr zugeteilt.

All diese Handlungen zielen darauf ab, den Betroffenen in seinem Wohlbefinden, Ansehen, seinen sozialen Beziehungen und beruflichen Chancen nachhaltig zu schädigen.

Das Bedürfnis nach sozialer Integration, Sicherheit und Anerkennung im Kollegenteam sowie das Bedürfnis nach sinnhafter Arbeit werden extrem frustriert.

Wie reagiert der Betroffene wenn er gemobbt wird?

Mobbing ist für die Betroffenen kein "Spaß" und löst Stress aus, der sich regelmäßig negativ auf Wohlbefinden und Gesundheitszustand auswirkt.

Was im Einzelfall mit Einschlafstörungen, Angst- und Ohnmachtsgefühlen beginnt, kann später zu Magen- und Darmerkrankungen, Herz-/Kreislauferkrankungen, psychosomatische Erkrankungen und Depressionen führen. Medikamenten- und Alkoholmissbrauch sind oft die Folge.

Es sind in diesem Zusammenhang posttraumatische Belastungssyndrome festgestellt worden, wie sie bei Opfern von Gewaltverbrechen, Naturkatastrophen oder Krieg auftreten.

Suizid und Suizidversuche bilden nicht selten das letzte Glied in der Reihe möglicher Folgen. Zwar existieren keine offiziellen Zahlen über die Suizide durch Mobbing, aber in Fachkreisen werden Zahlen aus dem Ausland auch als für Deutschland relevant erachtet und mit ca. 15 bis 20 % beziffert.

Dies ist in Deutschland eine Größenordnung von rund 2.000 Toten durch Psychoterror am Arbeitsplatz pro Jahr.

Und warum wird gemobbt?

Die Ursachen für Mobbing sind vielschichtig.

Es gibt Indizien, dass stark hierarchisch strukturierte und Organisationen mit einem starken Ungleichgewicht zwischen Männern und Frauen Mobbing begünstigen.

Auf Mobber-Seite kommen z.B. folgende Ursachen/Motive in Betracht: Antipathie, Neid, Eifersucht, Angst vor Statusverlust bzw. Konkurrenzangst, Frustableitung, Rache, Ausgrenzung des Mobbing-Opfers wegen "Andersartigkeit" sein.

Das Mobbing-Opfers kann die Entstehung des Konflikts/Mobbings begünstigt haben durch: zu geringes bzw. zu großes Selbstbewusstsein, geringe Sozial- und Konfliktlösungskompetenz; Neigung, sich leicht angegriffen oder gekränkt zu fühlen; soziale Benachteiligung, z.B. durch Alleinerziehenden-Status.

Den letzten Ausschlag für die Entstehung des Mobbing-Konflikts geben oft arbeitsorganisatorische Umstände wie unzureichende Abgrenzung von Zuständigkeiten/Aufgaben, Defizite im Führungsverhalten, hoher Konkurrenz-/Leistungsdruck, Umstrukturierungen, unbesetzte Stellen, unzureichende Fehler- und Konfliktkultur.

Die Identifikation von Mobbing-Aktivitäten ist oft schwierig, weil sie in der Grauzone zwischen Erlaubtem und Verbotenem liegen (z.B. wird ein Gruß nicht erwidert) bzw. Anspielungen und Andeutungen sprachlich mehrdeutig erfolgen.

Hinzu kommen Beweisprobleme.

Wer ist den im Allgemeinen als gefährdet anzusehen?

Es ist ein Vorurteil, dass Mobbing in der Regel nur schwache Persönlichkeiten trifft.

Oft sind es gerade überdurchschnittlich leistungsbereite und sozial engagierte Polizeibeamte/innen, die unter die Räder geraten.

Sie werden von den übrigen als Bedrohung empfunden.

Aber eine funktionierende Behörde kann doch reagieren?

Leider ist es immer noch so, dass die dienstrechtlichen Folgen (Versetzung etc.) eher die Opfer als die Mobber treffen.

Eine Versetzung nützt den Opfern in den meisten Fällen wenig; die neuen Dienststellen sind i.d.R. über den "Problemfall" informiert.

Die Betroffenen werden damit wieder zur Zielscheibe.

Vorgesetzte sind bei Beschwerden über die Arbeitsbedingungen oft hilflos und scheuen sich, auf mitgeteilte Missstände entsprechend zu reagieren, weil sie dadurch Führungsdefizite zugeben müssten.

Und nicht selten lösen Beschwerden Repressalien aus.

Polizeibeamte, die sich gegen Missstände einsetzen, werden - wie häufig in Organisationen mit hohem Corpsgeist - schnell als Nestbeschmutzer und Verräter gebrandmarkt, als "überempfindlich" abgestempelt, und nicht selten wegen neurotischer Störungen zum Polizeiarzt/-psychologen geschickt.

Dort geht es dann oft nicht mehr um die dienstlichen Ursachen, sondern um Probleme im Privatbereich bzw. aus der Kindheit des Betroffenen.

Auf Hilfe von Kollegen können Betroffene nur in den seltensten Fällen hoffen.

Diese schweigen - aus der Furcht selbst gemobbt zu werden bzw. aus falsch verstandenem Corpsgeist.

Und es kommt auch vor, dass die Mobbing-Betroffenen selbst die Personalvertretung verpflichten, die Angelegenheit nicht weiter zu betreiben - aus der Angst, danach noch größeren Repressalien ausgesetzt zu sein.

Dies ist bedauerlich, denn grundsätzlich sind Mitglieder der Personalvertretung und Gleichstellungsbeauftragte für Mobbingbetroffene geeignete Ansprechpartner.

Sie können Probleme innerhalb der Dienststelle mit dem Dienststellenleiter erörtern, ohne Namen nennen zu müssen.

Voraussetzung ist allerdings, dass sie entsprechend in der Mobbing-Thematik geschult sind.

Das Vorgehen gegen Mobbing ist bei der Polizei als Führungsaufgabe erkannt. Die Fürsorgepflicht gegenüber den untergebenen Polizeibeamten und das Arbeitsschutzgesetz verpflichten Dienstherrn und Vorgesetzte, gegen Mobbing einzuschreiten und präventive Maßnahmen zum Schutz vor Mobbing zu ergreifen. Ansonsten macht sich der Dienstherr schadensersatzpflichtig.

Die Mobber übersehen oft, dass sie sich mit den Mobbing-Aktivitäten ins eigene Fleisch schneiden.

Gerade Polizeibeamte haben ohnehin mit einer sehr hohen Arbeitsbelastung und sehr hohen Stressfaktoren zu kämpfen.

Fallen nun zusätzlich Kollegen durch mobbing-bedingte Krankheitszeiten aus oder leisten sie wegen der für sie frustrierenden Arbeitssituation "Dienst nach Vorschrift", verschärft dies nur den Arbeitsdruck für die verbleibenden Kollegen.

Die innere Kündigung beruht auf dem Lernprozess, dass erhöhte Anstrengungen keine Erfolge, sondern auch nur Misserfolge nach sich ziehen.

Die Leistungen werden daher auf das notwendige Minimum reduziert und beziehen sich hauptsächlich auf die Vermeidung von Misserfolg.

Die innere Kündigung ist kein böser Wille, sondern ein natürlicher Schutzmechanismus, um noch weitergehende arbeitsbedingte Erkrankungen zu verhindern.

Herr Odenkirchen das hört sich wie ein Schreckensszenario an, gibt es dies tatsächlich bei der Polizei?

Leider ja!!

Das Bayerische Innenministerium gab 1999 eine Studie über Mobbing-Fälle bei der Polizei in Auftrag - Ergebnis: mehr als 50% der befragten Beamten klagten über Mobbing, und Frauen waren hiervon besonders betroffen

Die Statistiken sprechen auch hier für sich: unter Polizeibeamten befinden sich fast doppelt so viele innerlich gekündigte Personen wie in anderen Berufsgruppen.

Und die Beendigung des Arbeitsverhältnisses ist hier wegen der besonderen Struktur des Beamtenverhältnisses keine Alternative.

Während sich in den Vergleichsgruppen ca. 14% der Demotivierten nach einer neuen Arbeitsstelle umgesehen haben, waren dies bei der Polizei nur 6%. (Quelle: Jiménez, Paul: Engagement und Demotivation bei Polizeibeamten. In: Polizei & Wissenschaft, 02/2004).

Wir haben jetzt bereits viel über das Opfer gesprochen, aber wer ist der Täter:

In mehr als 50% der Fälle sind nach dem Mobbing-Report der Sozialforschungsstelle Dortmund aus dem Jahre 2002 Vorgesetzte am Geschehen beteiligt.

Die Zahl der Betroffenen dürfte sich in der Zwischenzeit eher noch erhöht haben.

Welche Folgen haben wir sonst noch zu vermelden?

Gemäß einer Schätzung des Psychologen und Konfliktforschers Martin Resch verursachen der Arbeitsausfall eines Mobbing-Betroffenen und die Minderleistung der Mobber zusammen mit dem Ausfall der Arbeitszeit von Vorgesetzten sowie der Personalabteilung, die sich mit dem Mobbingfall auseinandersetzen müssen, jährliche Kosten in Höhe von 15.000 Euro bis 50.000 Euro pro Mobbingfall.

Pro Jahr werden zwischen 12.000 und 25.000 Menschen aufgrund von Mobbing "frühverrentet”, wodurch jährliche Kosten zwischen 1,5 und 3 Mrd. Euro entstehen.

Es ist also für Führungskräfte und Personalvertretungen dringend Zeit zu handeln.

Vielen Dank für dieses Gespräch, der BDK hat dieses Thema erkannt und wird es nicht aus den Augen lassen.

Schon in Kürze wird es hierzu ein Seminarangebot geben und wir hoffen sie hier als Referent einladen zu dürfen

Das Interview führte Hans Hülsbeck

 

Zur Person: Michael Odenkirchen, Ass. jur.

 

Der in Köln lebende Jurist - Jahrgang 1961 - mit Schwerpunkt Arbeitsrecht ist Herausgeber der Website

www.strategien-gegen-mobbing.de

Auf dieser Website werden viele nützliche Informationen für Mobbing-Betroffene zur Verfügung gestellt. Darüber hinaus werden Seminare zum Thema "Strategien gegen Mobbing und unfaire Kündigung" sowie ein Coaching für Mobbing-Betroffene angeboten. Herr Odenkirchen bietet neben der strategischen Beratung zur Bewältigung von Mobbing-Situationen auch Unterstützung bei der beruflichen Zielorientierung und Karriereplanung an.
erstellt von BDK zuletzt verändert: 17.08.2017 07:51
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