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Polizeiwissenschaft: Eine Disziplin mit Zukunft!

Die „Policeywissenschaft“ entwickelte sich in Deutschland bereits im frühen 18. Jahrhundert und bildete sich im Zusammenhang mit der Gründung moderner Territorialstaaten heraus. Mit der heutigen Form der Polizeiwissenschaft hatte die damalige allerdings noch relativ wenig zu tun. Erst Anfang der 1990er Jahre entbrannte die Debatte um eine eigenständige Polizeiwissenschaft erneut. Einer der Hauptknack- und Diskussionspunkte damals wie heute: Wer ist eigentlich der Abnehmer, der Adressat für die Ergebnisse einer polizeiwissenschaftlichen Arbeit? Viele mein(t)en, dass dies natürlich die Polizei sei und springen damit wesentlich zu kurz. Der eigentliche Abnehmer für die Erkenntnisse und Ergebnisse aus der Polizeiwissenschaft ist eben nicht die Polizei, sondern die Gesellschaft.

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Die Polizei stellt hier aufgrund ihrer besonderen rechtlichen Stellung zwar einen gewichtigen und zentralen Punkt dar, die Polizei ist aber schon längst nicht mehr der einzige Garant der Inneren Sicherheit in Deutschland. Hier muss man noch viele weitere staatliche und private Akteure mit in die Betrachtung einbeziehen. Deshalb muss man den wissenschaftlichen Bereich der Polizei weiter fassen, im Sinne eines „Polizieren“ oder auch „Policing“ und kann diesen nicht auf die Institution Polizei reduzieren. Hauptziel der Polizeiwissenschaft muss die Forschung über die Polizei sein und nicht für die Polizei. Eine Polizeiwissenschaft muss die Bewertung des polizeilichen Handelns durch die Zivilgesellschaft als fair und gerecht im Fokus haben. Diese mittlerweile sogenannte „Accountability“ als Bewertungsmaßstab polizeilichen Handelns ist es, die darüber entscheidet, ob die Bürger eines modernen Rechtsstaates die Polizei akzeptieren und ihr vertrauen. 

Polizeiwissenschaft wird derzeit an der Deutschen Hochschule der Polizei (DHPol) gelehrt, wo aber die Ausbildung des Polizeiführungsnachwuchses im Vordergrund steht. Bei polizeilichen Fachhochschulen/Akademien in den Ländern und im Bund beschäftigt man sich nur sehr eingeschränkt mit Polizeiwissenschaft. Außerhalb der Polizei gibt es den Masterstudiengang „Kriminologie und Polizeiwissenschaft“ an der Ruhr-Universität in Bochum (RUB). Des Weiteren wird an der Universität Hamburg in den beiden Kriminologie-Masterstudiengängen „Policing“ in einem Modul gelehrt, die Polizeiwissenschaft spielt dort aber nur eine Nebenrolle. An der privaten Universität Witten/Herdecke wird im Bereich der Politikwissenschaft inhaltlich Polizeiforschung betrieben, aber nur in untergeordneter Form im Bereich der Sicherheitsforschung.

Mit der Gründung der Deutschen Hochschule der Polizei (DHPol) als Nachfolgeeinrichtung der Polizei-Führungsakademie (PFA) schien der Durchbruch für eine eigenständige Polizeiwissenschaft gekommen zu sein. Heute, rund 8 Jahre später, muss man aber leider konstatieren, dass sich die Hoffnungen nur zum Teil erfüllt haben. Der aufgrund des Beschlusses der Innenministerkonferenz vom November 1998 vorgelegte Referentenentwurf über ein „Gesetz über die Deutsche Hochschule der Polizei“ benannte explizit die Notwendigkeit der „Pflege und Entwicklung“ der Polizeiwissenschaft, weil „der weite Tätigkeitskreis der Polizei einer übergreifenden und gebündelten theoretischen Erfassung und Durchdringung nach wissenschaftlichen Kriterien bedarf. Ohne diese Ausgangsannahme fehlte der Arbeit an der Weiterentwicklung der PFA zu einer Hochschule letztlich der tragende Grund“. Laut dem Gesetz über die DHPol gehört zur Aufgabe „die Polizeiwissenschaft durch Forschung, Lehre, Studium und Weiterbildung zu pflegen und zu entwickeln“.

Träger der DHPol, einer Hochschule für angewandte Wissenschaften, sind der Bund und die Länder. Damit unterliegt sie - gerade für den Bereich der Forschung und explizit für den Bereich der Polizeiwissenschaft - den gleichen Problemstellungen wie die Fachhochulen/Polizeiakademien in Bund und Ländern. Seit der Gründung der DHPol erfolgt dort, genau wie in ihre Vorläufereinrichtung PFA, die Ausbildung des höheren Dienstes der Polizei, zentral für Deutschland. Externe Studenten sind an der DHPol nicht zugelassen. Dies macht schon deutlich, dass auch hier die Ausbildung des polizeilichen Führungsnachwuchses für die kommenden Aufgaben im Vordergrund steht und nicht eine polizeiwissenschaftliche Forschung. Dementsprechend erfolgen auch die Gewichtung und die Zuweisung von Finanzmitteln aus dem Haushalt. Dieser Ausbildungsschwerpunkt wird auch durch die Auswahl der Lehrkräfte für den Bereich der „Polizeiwissenschaften“ (Kriminalistik, Einsatz-, Führungs- und Verkehrslehre) deutlich, wo fast ausschließlich Polizisten des höheren Dienstes eingesetzt werden. Aus der Praxis für die Praxis. Man befruchtet sich selbst. Die Verwendung von Polizisten ist für die Vermittlung des Handwerkzeugs eines Polizisten im höheren Dienst sicherlich gut und notwendig, hat mit einer angewandten Polizeiwissenschaft aber nur wenig zu tun. Praxisnähe darf aber nicht dazu führen, dass Grundprinzipien der Wissenschaft vernachlässigt werden.

Die DHPol hat aber noch weitere „Geburtsfehler“. So bietet sie nur einen einzigen Studiengang an, den zum „Polizei-Manager“. Die Stellenstruktur im Bund und den Ländern und die Praxis nur spätere Polizeiführer an der DHPol auszubilden - anstatt vielleicht auch polizeiliche Sachbearbeiter oder Externe für ihre Arbeit zu qualifizieren, sorgt im Ergebnis dafür, dass pro Jahr nur 120 bis 130 Studienanfänger zu verzeichnen sind, was die DHPol zu einer „Zwergenhochschule“ macht. Dieser Ansatz eines „Einheitsstudienganges“ muss aus Sicht der Polizeipraxis, aber auch aus Sicht der Gesellschaft sowie gerade aus Sicht der Wissenschaft, mehr als kritisch betrachtet werden. Es wird nicht unterschieden, ob die Absolventen - die zukünftigen Polizeiführer - ihre beruflichen Erfahrungen innerhalb der Schutz-, Wasserschutz- oder Kriminalpolizei gemacht haben. Das Handwerkzeug für erfolgreiches polizeiliches Handeln kann heutzutage aber nicht mehr in einer Einheitsausbildung vermittelt werden. Dieser Ansatz funktioniert heute schon nicht mal mehr im gehobenen Polizeidienst. Führungsentscheidungen müssen mittlerweile vor dem Hintergrund verschiedenster fachlicher Anforderungen getroffen werden, zudem liegt die Ermittlungsführung immer öfter in den Händen des höheren Dienstes, der auch der Staatsanwaltschaft in beratender Funktion zur Seite stehen muss. Parallel zur Einführung einer „echten“ Polizeiwissenschaft müsste die DHPol somit maßgeschneiderte Studiengänge für den höheren Dienst der Polizei anbieten, die den spezifischen Anforderungen von Schutzpolizei und Kriminalpolizei Rechnung tragen sowie sich für Externe öffnen, denn die Polizei ist im Bereich der Inneren Sicherheit nur noch ein Player von vielen.

Gerade diese „Monokultur“ an der DHPol, die sich durch sowohl einer fehlenden Breite als auch einer fehlenden Tiefe der wissenschaftlichen Arbeit auszeichnet,  wurde dann auch vom Wissenschaftsrat in seiner Stellungnahme vom Januar 2013 zur Institutionellen Akkreditierung der DHPol sehr kritisch gesehen. Der Rat sah zudem eine nicht zu unterschätzende Problematik darin, dass die DHPol in zu starkem Umfang eine polizeiliche Binnenperspektive einnimmt. Daher sei ein Ausbau der Kooperationen insbesondere mit Universitäten zwingend. Der Wissenschaftsrat erkannte zwar ausdrücklich die Herausforderungen an, die sich aus dem anspruchsvollen Unterfangen einer Verwissenschaftlichung der polizeipraktischen Arbeit sowie dem selbst gesetzten Ziel der Entwicklung einer Polizeiwissenschaft vom Ausgangspunkt der bis 2005 nichthochschulischen Polizei-Führungsakademie ergeben. Gleichwohl seien aber noch erhebliche zusätzliche Anstrengungen notwendig, um die DHPol zu einer Hochschule auf universitärem Niveau zu entwickeln. Trotz einiger festgestellter Defizite, wie z.B. einer Bibliothek, die keinen universitären Standard erfüllt, konnte nach der Begutachtung durch den Wissenschaftsrat eine Reakkreditierung der DHPol erfolgen. Aber auch der Wissenschaftsrat machte deutlich, dass die Leitung von Fachgebieten an Hochschulen durch nichtpromoviertes berufspraktisches Personal vom Grundsatz her kritisch zu bewerten ist.

Das weitere Urteil des Wissenschaftsrates glich dann aber einem Donnerschlag: Der DHPol wurde das Habilitationsrecht entzogen, da die strukturellen Voraussetzungen dafür nicht erfüllt seien. Erst durch einen erheblichen quantitativen sowie qualitativen Ausbau der DHPol ließe sich dieses Defizit beheben. Allein zur dauerhaften Absicherung der Hochschulförmigkeit sei jetzt schon eine Erhöhung der professoralen Personalausstattung um mindestens eine Stelle vorzunehmen. Der Wissenschaftsrat sieht eine Habilitationsmöglichkeit - wenn überhaupt - dann zukünftig ausschließlich für den Bereich der Polizeiwissenschaft. Dazu müsse die DHPol aber ein tragfähiges Konzept erarbeiten, aus dem hervorgehe, wie sie die Polizeiwissenschaft entwickeln möchte und wie sie sich in diesem Bereich national wie international, insbesondere mit Universitäten, vernetzen will. Um eine solide Basis für die Entwicklung einer interdisziplinär ausgerichteten Polizeiwissenschaft zu legen, sollte die DHPol, so die Bewertung seitens des Wissenschaftsrates, ausgehend vom Ist-Stand, mindestens sechs weitere Professuren (VZÄ) einrichten.

Die DHPol steht also vor einer Zäsur, die aus den verschiedensten Gründen ein Umdenken erforderlich macht. Das Urteil des Wissenschaftsrates hat damit auch direkte Auswirkungen auf die Polizeiwissenschaft und deren Zukunft in Deutschland. Die DHPol als „Herz“, als „Motor“, als die Zentralstelle für eine Polizeiwissenschaft in Deutschland ist derzeit wieder in weite Ferne gerückt.

Der BDK fördert mit seiner KRIPO AKADEMIE die außerpolizeiliche Polizeiwissenschaft, z.B. durch polizeiwissenschaftliche Fachtagungen, Veröffentlichungen von Fachartikeln und durch entsprechende Forschungsbeteiligung, sieht sich aber auch als Bindeglied zwischen Polizei und Wissenschaft. Der BDK setzt sich zudem aktiv dafür ein, dass an der DHPol und den polizeilichen Ausbildungseinrichtungen in den Ländern (Hochschulen und Akademien) Polizeiwissenschaft zukünftig in einem angemessenen Umfang gelehrt wird und die notwendigen Ressourcen von den jeweiligen Trägern der Einrichtungen gewährleistet werden.



erstellt von Schulze, Ronald zuletzt verändert: 07.10.2014 17:19
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