Zwischen Symbolpolitik und Ermittlungsrealität: Wer Kriminalität bekämpfen will, muss Kriminalpolizei stärken
24.06.2026
Magdeburg, 24.06.2026
Es ist wieder diese politische Jahreszeit, in der viel über Polizei gesprochen wird. Über Ausstattung, Sichtbarkeit, Besoldung, neue Technik und vermeintlich einfache Antworten auf komplexe Sicherheitsfragen. Alles richtig. Alles wichtig. Aber eben nicht ausreichend.
Denn wer ernsthaft über innere Sicherheit in Sachsen-Anhalt sprechen will, darf die Kriminalpolizei nicht länger als Fußnote behandeln.
Die Kolleginnen und Kollegen in den Ermittlungsdiensten, in der Kriminaltechnik, in der Auswertung, in den Fachkommissariaten und Spezialdienststellen arbeiten seit Jahren am Limit. Sie klären Taten auf, sichern Beweise, führen Verfahren, tragen Aktenberge, betreuen Opfer, werten digitale Massendaten aus und halten komplexe Ermittlungen zusammen — häufig unter Bedingungen, die mit moderner Kriminalitätsbekämpfung nur noch bedingt etwas zu tun haben.
Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 zeigt eine Aufklärungsquote von 57,4 Prozent. Das ist eine starke Leistung. Aber es ist kein Entlastungsbeweis für die Landespolitik. Es ist vielmehr der Beleg dafür, dass die Kolleginnen und Kollegen trotz unzureichender Rahmenbedingungen liefern.
Genau deshalb darf sich die politische Debatte nicht in allgemeinen Polizeiparolen erschöpfen. Wenn über eine neue Zielzahl für die Landespolizei gesprochen wird, dann muss offen gesagt werden, welcher Anteil davon tatsächlich in der Kriminalpolizei ankommt. Mehr Polizei allein reicht nicht. Entscheidend ist, wo dieses Personal eingesetzt wird.
Sachsen-Anhalt braucht endlich einen verbindlichen Aufwuchs der Kriminalpolizei auf 30 Prozent des Stellenanteils. Das ist keine verbandspolitische Marotte, sondern eine fachliche Notwendigkeit.
Organisierte Kriminalität, Cybercrime, Wirtschaftskriminalität, sexualisierte Gewalt gegen Kinder, Geldwäsche, Betrugskomplexe, politisch motivierte Kriminalität und digitale Beweismittel lassen sich nicht mit Symbolpolitik bekämpfen. Sie verlangen Spezialisierung, Erfahrung, Zeit und eine Struktur, die Ermittlungsarbeit nicht permanent an die Belastungsgrenze drückt.
Natürlich kann man über Dienstradleasing, Apps, neue Einsatzmittel und einzelne Modernisierungsschritte sprechen. Man kann sie auch begrüßen. Aber niemand sollte glauben, dass solche Maßnahmen die strukturellen Defizite in der Kriminalpolizei beheben. Wer moderne Arbeitsbedingungen will, muss bei Personal, Laufbahn, Besoldung, Fortbildung, Technik und Führungskultur anfangen.
Auch bei der Besoldung braucht es mehr Ehrlichkeit. Es reicht nicht, wohlklingende Formeln zu bemühen und am Ende doch wieder nur haushalterische Kompromisse zu verkaufen. Die entscheidende Frage lautet: Wird der Polizeiberuf in Sachsen-Anhalt insgesamt wieder attraktiv — und wird die besondere Verantwortung der Kriminalpolizei endlich abgebildet?
Wer hochspezialisierte Ermittlerinnen und Ermittler halten will, muss ihnen mehr bieten als warme Worte. Wer junge Kolleginnen und Kollegen für die Kriminalpolizei gewinnen will, muss eine echte Perspektive schaffen. Und wer ständig mehr Qualität, mehr Tempo und mehr Aufklärung verlangt, muss anerkennen, dass Qualität nicht zum Nulltarif zu haben ist.
Deshalb fordert der BDK Sachsen-Anhalt eine eigene beamtenrechtliche Laufbahn Kriminalpolizei. Nicht aus Abgrenzungsbedürfnis, sondern aus fachlicher Vernunft.
Die Kriminalpolizei ist kein bloßer Verwendungsbereich, den man bei Bedarf personell füllt und wieder leert. Sie ist ein Kernbereich rechtsstaatlicher Sicherheitsarchitektur. Wer dort arbeitet, braucht spezifische Qualifikation, Entwicklungsmöglichkeiten und eine Laufbahnsystematik, die Spezialisierung nicht bestraft, sondern fördert.
Ein kleiner Seitenblick auf die Mitbewerber sei erlaubt: Wer Polizei nur allgemein denkt, wird der Kriminalitätswirklichkeit nicht gerecht. Natürlich brauchen wir starke Personalvertretung, faire Besoldung und gute Mitgliederarbeit. Aber der BDK ist nicht angetreten, um allgemeine Polizeipolitik weichzuzeichnen. Wir sind angetreten, um die Kriminalpolizei fachlich, strukturell und politisch sichtbar zu machen.
Und genau das ist jetzt nötig.
Denn die Kolleginnen und Kollegen in der Kriminalpolizei brauchen keine Sonntagsreden. Sie brauchen Personal. Sie brauchen Zeit für Ermittlungen. Sie brauchen moderne Technik. Sie brauchen verlässliche Fortbildung. Sie brauchen eine Besoldung, die verfassungssicher und wertschätzend ist. Und sie brauchen eine Laufbahn, die ihrer Verantwortung entspricht.
Sachsen-Anhalt steht sicherheitspolitisch vor einer Richtungsentscheidung: Wollen wir Kriminalität nur verwalten — oder wollen wir sie wirksam bekämpfen?
Wenn die Antwort ernst gemeint ist, führt an einer starken Kriminalpolizei kein Weg vorbei.