Kripo neu denken: Direkteinstieg als Antwort auf veränderte Kriminalität

12.05.2026

Die Bekämpfung komplexer Kriminalitätsformen stellt die Polizei vor neue Herausforderungen – insbesondere die Kriminalpolizei als spezialisierte Ermittlungsinstanz.

 
Die Anforderungen an die Ermittlungsarbeit verändern sich rasant. Cybercrime, organisierte Kriminalität, digitale Beweissicherung, Finanzermittlungen oder sexualisierte Gewalt gegen Kinder und Jugendliche verlangen heute hochqualifizierte Spezialistinnen und Spezialisten mit fundierter kriminalistischer Expertise. Die Kriminalpolizei ist längst kein nachgelagerter Einsatzbereich mehr, sondern ein hochkomplexes professionelles Arbeitsfeld innerhalb der inneren Sicherheit.

Der Bund Deutscher Kriminalbeamter Landesverband Niedersachsen (BDK) fordert deshalb seit vielen Jahren eine nachhaltige Stärkung der Kriminalpolizei in Niedersachsen. Der BDK weist dabei kontinuierlich auf den zunehmenden Verlust kriminalpolizeilicher Fachlichkeit infolge der vollständigen Vereinheitlichung der Polizeilaufbahnen hin. Die Abschaffung eigenständiger kriminalpolizeilicher Ausbildungs- und Karrierewege habe langfristig zu einem Verlust spezialisierter Ermittlungsstrukturen geführt.

Dabei gab es auch in Niedersachsen bereits andere Modelle: Bis in die neunziger Jahre erfolgte der Zugang zur Kriminalpolizei über eigenständige kriminalfachliche Laufbahnen und spezifische Qualifizierungen. Erst mit der Einführung der sogenannten „Bürgerpolizei Niedersachsen“ wurde die klassische kriminalpolizeiliche Direktausbildung aufgegeben. Der BDK bewertet diese Entwicklung bis heute kritisch.

Aus Sicht des Verbandes reicht es nicht aus, Polizeibeamtinnen und Polizeibeamte erst nach mehreren Jahren im Einsatz- und Streifendienst in kriminalpolizeiliche Aufgabenfelder zu übernehmen. Komplexe Ermittlungsverfahren erfordern frühzeitige Spezialisierung, wissenschaftlich fundierte Ausbildung sowie eine klare berufliche Identifikation mit kriminalpolizeilicher Arbeit. Gerade in einer digitalisierten und international vernetzten Kriminalitätslandschaft steigen die fachlichen Anforderungen kontinuierlich.

Mit seiner Forderung nach einem Direkteinstieg steht der BDK Niedersachsen nicht allein. Mehrere Bundesländer haben direkte Zugänge oder spezialisierte Studienmodelle für die Kriminalpolizei bereits eingeführt oder deutlich ausgebaut. Länder wie Berlin, Hamburg, Hessen oder Baden-Württemberg verfügen seit Jahren über entsprechende Laufbahnmodelle. Rheinland-Pfalz hat zum Studienjahr 2024 erstmals einen eigenen Bachelor-Schwerpunkt „Kriminalpolizei“ eingerichtet. 1)

Besonders bemerkenswert ist aktuell die Entwicklung im Land Bremen. 2) Dort wird der Direkteinstieg in die Kriminalpolizei gezielt als Antwort auf veränderte Kriminalitätsformen und den steigenden Bedarf an spezialisierten Fachkräften verstanden. Bewerberinnen und Bewerber können sich unmittelbar für die kriminalpolizeiliche Laufbahn entscheiden. 

Das Modell verbindet wissenschaftliche Ausbildung, kriminalistische Schwerpunktsetzung und frühzeitige Praxiserfahrung in Ermittlungsdienststellen. Gleichzeitig wird ausdrücklich betont, dass Kriminalitätsbekämpfung zunehmend spezialisiertes Fachwissen erfordert – insbesondere in digitalen und komplexen Deliktsbereichen.

Auch innerhalb Niedersachsens wurden inzwischen erste Schritte unternommen. Der BDK begrüßt ausdrücklich die Einführung kriminalpolizeilich orientierter Studiengruppen an der Polizeiakademie Niedersachsen sowie Direktversetzungen in kriminalpolizeiliche Arbeitsbereiche. Diese Maßnahmen zeigen, dass die bestehenden Herausforderungen erkannt wurden. Sie können jedoch aus Sicht des Verbandes nur ein erster Zwischenschritt sein.

Hinzu kommt die demografische Entwicklung innerhalb der niedersächsischen Kriminalpolizei. Seit Jahren weist der BDK auf eine erhebliche Pensionierungswelle und den drohenden Verlust kriminalistischen Erfahrungswissens hin. In zahlreichen Kripo-Bereichen liegt der Altersdurchschnitt auf einem kritischen Niveau. Ohne gezielte Nachwuchsgewinnung droht ein weiterer Verlust an Spezialwissen, Kontinuität und Ermittlungsqualität.

Der BDK Niedersachsen spricht sich deshalb für die Wiedereinführung einer eigenständigen kriminalpolizeilichen Fachkarriere aus. Ein Direkteinstieg könnte über spezialisierte Studiengänge, kriminalwissenschaftliche Schwerpunktsetzungen und praxisnahe Ermittlungsqualifikationen ausgestaltet werden. Gleichzeitig soll der Wechsel erfahrener Kolleginnen und Kollegen aus der Schutzpolizei in kriminalpolizeiliche Aufgabenbereiche selbstverständlich weiterhin möglich bleiben.

Es geht dabei ausdrücklich nicht um eine Trennung der Polizei, sondern um eine zeitgemäße Spezialisierung innerhalb einer modernen Sicherheitsarchitektur. Die Kriminalpolizei muss wieder als hochqualifizierter Fachbereich verstanden werden, der gezielte Nachwuchsgewinnung, professionelle Ausbildung und langfristige Fachkarrieren benötigt.

Die Wiedereinführung des Direkteinstiegs wäre daher kein Rückschritt, sondern eine konsequente Antwort auf die sicherheitspolitischen Herausforderungen der Gegenwart. Niedersachsen braucht eine starke, moderne und spezialisierte Kriminalpolizei, um auch künftig wirksam gegen komplexe Kriminalitätsformen vorgehen zu können.
 
Stefan Franz 
Stellv. Landesvorsitzender
 
 
 
1) https://mdi.rlp.de/service/pressemitteilungen/detail/ebling-bachelorstudium-zum-direkteinstieg-in-die-kriminalpolizei  
2) https://www.karriere.bremen.de/ausschreibung-34456?idj=126574 ("Ausschreibung Kriminalkommissar-Anwärter:innen")  
 
 
 
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Niedersachsen
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