"Mocro-Mafia" & Co Drogenparadies Deutschland - Ein Fahnder berichet

Große Rauschgiftmengen überschwemmen Deutschland, die Zahl der Drogentoten hat einen Höchststand erreicht. Ein leitender Fahndungsbeamter nahe der Grenze berichtet, wie sich die organisierte Kriminalität weiter ausbreitet: Clans und Mafia beherrschen das Drogengeschäft.
"Mocro-Mafia" & Co Drogenparadies Deutschland - Ein Fahnder berichet

Eigentlich ist der passionierte Motorradfahrer Thomas Mischke keiner, der zu Bitternis neigt. Doch genau danach klingt seine Bilanz als Fahnder. 
"Jahrelang haben sich in Deutschland Strukturen der organisierten Kriminalität entwickeln und verfestigen können", klagt Mischke.

Bestens organisierte Kriminelle betrieben nach wie vor weitgehend ungestört ihre "Geschäfte", sagt er. Sie investierten Milliarden in Immobilien, Unternehmen und Luxusautos, um so ihre kriminell erworbenen Gelder zu waschen. Die Ermittlung der oftmals aus dem Ausland agierenden Hintermänner und der dahinterstehenden Netzwerke sei für die Polizei jedoch schwierig. Man könnte auch sagen, dass es etwas vom Kampf gegen Windmühlenflügel hat.

Mischke weiß, wovon er redet, er macht das schon lange. Der 58-jährige ist ein leitender Fahndungsbeamter bei der Bundespolizei in Nordrhein-Westfalen. Der Vater zweier erwachsener Kinder war zuvor 20 Jahre bei der Landespolizei, leitete lange ein Ermittlungskommissariat und war mehrfach im Ausland eingesetzt. Er hat also einen guten Überblick über die "OK", die organisierte Kriminalität. Mit Mischke, der aus dem westlichen Münsterland stammt, hat WELT in seiner Funktion als Vorsitzender des Verbandes Bundespolizei beim Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) mehrere Gespräche geführt.

Mischke koordiniert in seiner Dienststelle die Binnengrenzfahndung, in anderen Bundesländern Schleierfahndung genannt, innerhalb einer Zone von 30 Kilometern hinter der Grenze. Mit seinem Team soll er die grenzüberschreitende Kriminalität in all ihren Facetten bekämpfen - etwa die unerlaubte Migration oder Drogendelikte. Sein Einsatzgebiet ist die deutsch-niederländische Grenze. Ein Brennpunkt: Die Masse der drogenbedingten Festnahmen durch die Bundespolizei findet dort statt. Höchster Stand bei den Drogendelikten. In Mischkes Heimatland weist die Polizeiliche Kriminalstatistik für 2019 insgesamt 68.872 Verstöße gegen das Betäubungsmittelgesetz aus, dies ist der höchste Stand der letzten 20 Jahre.

Und das hat Folgen: 292 Drogentote gab es voriges Jahr im bevölkerungsreichsten Bundesland, 52 mehr als 2018. Ein Ende des Elends ist nicht in Sicht. Im ersten Halbjahr 2020 stieg die Zahl der Drogentoten, verglichen mit dem Vorjahreszeitaum, nochmals um 52,2 Prozent auf 137. Bundesweit wurde mit 1398 Drogentoten (plus 9,6 Prozent) im vergangenen Jahr ebenfalls ein Höchststand erreicht, und der Trend setzt sich fort. Eine Zahl für 2020 liegt aber noch nicht vor. Zugleich nehmen die Rauschgiftmengen, die von der Polizei sichergestellt werden, seit Jahren enorm zu. Dies gilt Mischke zufolge besonders für Kokain und harte synthetische Drogen wie Amphetamin und Metamphetamin (XTC, Speed, Pep, Crystal Meth).

Aber auch Heroin, gestreckt etwa mit Fentanyl und dadurch viel stärker und gefährlicher, erlebt gerade eine Renaissance. "Hinzu kommt eine massive Zunahme des Drogenhandels über die Marktplätze im Internet und im Darknet, der sich dort auch aufgrund der Einschränkungen durch die Corona-Krise verstärkt hat", sagt Mischke.

Die Häfen Amsterdam, Rotterdam, Antwerpen,Hamburg und Bremerhaven haben sich immer mehr zum Einfallstor für Kokain aus Südamerika entwickelt. Aber Leid und Tod kommen nicht nur aus Übersee. Holland ist mittlerweile die Hauptproduktionsstätte synthetischer Drogen in Europa. "Deutschland ist dabei nicht nur ein Transitland, sondern vor allem ein wichtiger Umschlagplatz für jegliche Art von Rauschmitteln. Und für Täter ein Rückzugsort und optimaler Geldwäschemarkt", erzählt der Fahnder. Wo aber derart viel Geld gemacht wird, werden die Revierkämpfe der Banden brutaler. Alarmierend findet Mischke die zunehmende Gewalt in den benachbarten Niederlanden, ausgelöst durch Streitigkeiten der "Mocro-Mafia".

Die Täter, meist marokkanischer Herkunft, sind bereits zu uns vorgedrungen. Mischke fürchtet, dass sie in Zukunft massiver auf den lukrativen deutschen Absatzmarkt drängen und sich auch hierzulande blutige Kämpfe mit bisherigen "Platzhirschen" liefern. "Die "Mocro-Mafia" drängt auf den deutschen Markt, denn die Banden kennen keine Grenzen", erklärt Mischke. Die Aktivitäten der ,Mocro-Mafia' beschränken sich nicht auf die Niederlande, sondern orientieren sich an Angebot und Nachfrage. So habe die sichergestellte Drogenmenge aus Holland in Richtung Deutschland seit 2017 "dramatisch zugenommen", vor allem die in den Niederlanden mittlerweile in enormen Mengen produzierten synthetischen Drogen wie Amphetamin und seine Derivate (MDMA, Ecstasy, Crystal), aber auch Kokain und seine Derivate (Crack, Freebase).

Die Rauschgiftkriminalität stellt aber bloß ein Geschäftsfeld der Mafia dar. Eng damit verbunden sind Geldwäsche und die Sprengung von Geldautomaten. Berichte und die Internetseite der niederländischen Polizei zeigten, sagt Mischke, "was nur wenige Kilometer vom Ruhrgebiet entfernt passiert und wie skrupellos und gut organisiert die Täter vorgehen". Bei Ermittlungen habe sich herausgestellt, dass hinter dem Drogenhandel und den Automatensprengungen oft dieselben Täter stünden.

Nordrhein-Westfalen hat im vergangenen Jahr 105 gesprengte Geldautomaten registriert und war damit laut Bundeskriminalamt (BKA) republikweit ein  "Brennpunkt". Bis Mitte Dezember 2020 gab es laut dem Landesinnenministerium bereits mehr als 170 Sprengungen (inklusive Versuche), Tendenz weiter steigend. "Ein Gutteil davon geht auf das Konto von Tätern aus den Niederlanden", sagt Mischke. Aktuell befürchtet er, dass die für ihre Massenmorde berüchtigten Kartelle aus Lateinamerika auch in den deutschen Markt drängen. Sie lassen bereits vermehrt mexikanische Drogenköche in die Niederlande einfliegen, um immer potentere und ergiebigere Varianten von Crystal Meth herzustellen.

Die gefährliche Droge wird nicht ohne Grund "Zombie-Droge" genannt.
Sämtliche Arten von Rauschgift werden oft mit Fahrzeugen über die Grenze geschmuggelt. Nicht selten verfügen sie über eigens eingebaute und speziell konstruierte Verstecke, die nur die Täter mit ihren Schlüsseln elektronisch öffnen können. "In den immer aufwändigeren Schmuggelverstecken werden häufig auch große Bargeldsummen entdeckt. Millionen Euro in überwiegend kleinen Stückelungen werden jährlich an der deutsch-niederländischen Grenze sichergestellt", berichtet Mischke.

Er möchte die Dinge gern effektiver, systematischer angehen: "Aus einer Festnahme müsste man ein größeres Strukturverfahren zur Ermittlung der beteiligten kriminellen Netzwerke generieren, Kontakt zu den beteiligten Ländern suchen und eine Einbeziehung von Europol und Eurojust erwägen." Denn Drogenmengen im Kilobereich würden oftmals von Kurieren transportiert, die multilateralen kriminellen Netzwerken angehörten. Gerangel um Zuständigkeiten erschwert die Ermittlungen zusätzlich. Doch im Kampf gegen die Rauschgiftkriminalität fehlt den Sicherheitsbehörden laut Mischke das Personal, um die Drogenlawine wirksam aufzuhalten.

Erschwert wird dies durch einen anderen Aspekt:
Nach seiner Ansicht gehört das mitunter "ritualhafte Gerangel" von Behörden, wer zuständig sei, dringend abgeschafft. Die Bundespolizei ist dies nach einer Festnahme nämlich derzeit nur für die ersten Maßnahmen, anschließend übergibt sie die Täter samt Drogen und Beweismitteln wie Handys, Navigationsgeräte und die Akte zur Weiterbearbeitung an die Bundeszollverwaltung. "Dadurch entsteht mindestens ein Informations- und Ermittlungsbruch", kritisiert Mischke.

Wie die Dienststellen der Zollfahndung solche Fälle weiter behandeln, wie sie mit entstehenden Haftsachen und der dann nötigen Auswertung sichergestellter digitaler Geräte umgehen, ob und wie sie zu den Behörden anderer beteiligter Länder Kontakt aufnehmen - das alles hängt von deren Einschätzung und Ressourcen ab.

In der Praxis läuft es aber sogar noch kleinteiliger:
Neben der Bundeszollverwaltung ist für Rauschgiftkriminalität ebenso die örtliche Polizei zuständig, wenn zum Beispiel eine Festnahme keinen direkten Grenzbezug aufweist. Doch die NRW-Polizei kämpft mit Personalengpässen, vor allem die Kripo. Je weniger die Polizei kontrolliert, desto weniger Delikte stellt sie fest - und umso günstiger sieht es in der Kriminalstatistik aus.

"Die Ermittlungen im Bereich der organisierten Rauschgiftkriminalität sind meist langwierig, aufwändig, teuer und personalintensiv", sagt Mischke. Die Folge der Personalnot sei, dass die Rauschgiftströme beinahe ungehemmt nach Deutschland fließen könnten. "Für die Täter muss das ein Paradies sein: Sie machen weiterhin enorme Gewinne, die sie in den legalen Wirtschaftskreislauf einbringen und waschen." Aus diesem Grund wachse der Einfluss von mafiösen Strukturen in der Gesellschaft stetig.

Thomas Mischke weist seit Jahren auf diese Entwicklungen hin, er hat etliche Gespräche mit Verantwortlichen und der Politik geführt. Doch geändert hat sich kaum etwas. "Der BDK ist seit langem bemüht, eine intensivere Verzahnung der Sicherheitsbehörden dies- und jenseits der Grenzen nicht nur in Nordrhein-Westfalen voranzutreiben", sagt Mischke.

Allerdings mangele es häufig an konkreten Schritten. Der Fahnder fordert deutlich mehr Kriminalitätsbekämpfung im Grenzgebiet. Deutsche und niederländische Partner sollten in gemeinsamen Fahndungs- und Ermittlungsteams verstärkt gegen Drogenhändler und andere Kriminelle vorgehen. "Dafür müssen die Kripo in Nordrhein-Westfalen, der Zollfahndungsdienst und die spezialisierten Fahndungsbereiche der Bundespolizei zwingend personell verstärkt werden und in gemeinsamen Dienststellen eng zusammenarbeiten", betont er.

Ein resigniertes Aufgeben und Wegschauen oder ein halbherziges "Weiter so" ist für Mischke keine Option. "Denn die extremen Gewinne aus den Drogengeschäften spülen Banden, Clans und Mafia-Gruppierungen so hohe Vermögenswerte in die Hände, dass staatliche Strukturen ausgehöhlt und zersetzt werden", warnt er.
Für das neue Jahr wünscht sich Mischke, dass der Staat dieser Entwicklung endlich entschlossen entgegentritt.

Aus WELTplus vom 24.12.2020 von Martin Lutz.