Violence as a Service Wenn Gewalt zum Geschäftsmodell wird
13.10.2026
Fünf Sprengstoffdetonationen innerhalb weniger Tage im Rhein-Main-Gebiet, zersplitterte Scheiben, beschädigte Wohnhäuser und festgenommene Minderjährige: Was lange wie ein Phänomen aus den Niederlanden oder Skandinavien wirkte, ist mit voller Wucht in Hessen angekommen.
Unter dem Begriff „Violence as a Service“ (VaaS) erweitert sich das Spektrum der Organisierten Kriminalität: Mordversuche, Einschüchterung, Brandstiftungen und Sprengsätze werden im Netz wie eine Dienstleistung gebucht – ausgeführt von oft minderjährigen Handlangern, die für schnelles Geld über Social-Media-Kanäle rekrutiert werden. Doch was genau verbirgt sich dahinter?
Der Begriff ist eine zynische Anlehnung an moderne IT-Dienstleistungen wie Software as a Service: Statt Gewalt selbst auszuüben oder eigene Schlägerbanden vorzuhalten, lagern kriminelle Netzwerke Straftaten wie ein Dienstleistungspaket aus. Über Messenger-Dienste oder die sozialen Medien werden Einschüchterungen, Schüsse aus Fassen, Brandstiftungen oder Sprengstoffanschläge gezielt „eingekauft“ – oft per digitaler Preisliste und bezahlt mit Kryptowährungen.
Besonders perfide: Auftraggebende und Ausführende kennen sich meist überhaupt nicht. Die Täter rekrutieren für die gefährliche Drecksarbeit gezielt Jugendliche und Heranwachsende, die für wenige hundert oder selten tausend Euro und falsche Versprechungen vom schnellen Gangster-Reichtum als austauschbare Werkzeuge verheizt werden.
Innenminister Roman Poseck hat angekündigt, den Kampf gegen diese neue Dimension der Gewalt zu verstärken. Doch für uns als BDK stellt sich hinter den Worten aus Wiesbaden die entscheidende Frage: Haben unsere Ermittlerinnen und Ermittler überhaupt die Luft, diesen Kampf nachhaltig zu führen?
Schnelle Festnahmen an der Oberfläche – mühsame Arbeit im Verborgenen. Die Festnahmen von Tatverdächtigen direkt nach den Detonationen zeigen einmal mehr: Die hessische Polizei reagiert im Ernstfall hochprofessionell und schlagkräftig. Doch ein festgenommener 15-Jähriger am Tatort ist erst die Spitze des Eisbergs.
VaaS ist kein klassisches Deliktsfeld, das man mit vermehrter Streifenpräsenz aus der Straße oder schnellen Durchsuchungen löst. Dahinter stehen europaweit vernetzte Drogenkartelle, Krypto-Zahlungen, verschlüsselte Chats und Mittelsmänner, die im Verborgenen agieren. Wer die Drahtzieher fassen will, braucht keine PR-Schwerpunkte, sondern oft monatelange, akribische Strukturermittlungen.
Die Situation im SO 30: Ankommen in neuen Strukturen Gerade im Bereich der Schweren und Organisierten Kriminalität stehen die Kolleginnen und Kollegen vor einer doppelten Herausforderung: Auf der einen Seite verlangt das Phänomen VaaS extrem personal- und zeitintensive
Ermittlungsarbeit. Während schnelle Festnahmen vor Ort wichtig für das Sicherheitsgefühl sind, beginnt die eigentliche Arbeit erst danach: die Auswertung gigantischer Datenmengen und verschlüsselter Chats, um an die Auftraggeber heranzukommen.
Auf der anderen Seite befindet sich der Bereich des SO 30 nach der Umstrukturierung im Rahmen des P25 teilweise noch in der Konsolidierungsphase. Wenn in einer solchen Phase hochdynamische Kriminalitätsformen mit hohem Sofortdruck aufschlagen, bindet das erhebliche Kräfte.
Dieser Phänomenbereich überrascht den BDK nicht: Bereits vor Jahren hat unser Vorsitzender Dirk Peglow aus seiner Erfahrung bei der Bekämpfung von Bandenkriminalität davor gewarnt, dass Gewalt im Netz zum buchbaren Geschäftsmodell wird und Jugendliche als billige Handlanger verheizt werden.
Die aktuellen Entwicklungen zeigen, wie recht er behalten hat – und wie dringend die Ermittlungsbereiche im SO 30 jetzt personell und technisch gestärkt werden müssen.
Liebe Kolleginnen und Kollegen: VaaS wird uns in den kommenden Monaten und Jahren begleiten. Der BDK Hessen wird die Entwicklungen im Bereich SO 30 aufmerksam begleiten und sich dafür einsetzen, dass die Rahmenbedingungen mit den neuen kriminalistischen Realitäten Schritt halten.
Stefanie Winkler
BzV Nordhessen