Analysetools bei der Polizei: Technik allein ermittelt nicht

24.02.2026

Wenn über moderne Polizeiarbeit gesprochen wird, fällt ein Begriff inzwischen fast reflexhaft: Analysetools. Sie gelten als Schlüssel, um komplexe Kriminalität, vernetzte Täterstrukturen und wachsende Datenmengen beherrschbar zu machen. Erst kürzlich wurde im politischen Raum wieder der Ruf nach dem Einsatz einer Analyseplattform in Brandenburg laut.

Kaum jemand stellt infrage, dass die Polizei solche Werkzeuge braucht. Der BDK Brandenburg hat erst im letzten Sommer diesbezüglich pragmatische Lösungen gefordert. Doch in der öffentlichen und politischen Debatte wird ein entscheidender Punkt häufig ausgeblendet: Analyse beginnt und endet nicht mit Software — sie steht und fällt mit den Menschen, die sie nutzen.

Die Erwartung an Technik ist oft überhöht
Analysetools versprechen Effizienz, Geschwindigkeit und neue Erkenntnisse. Sie können Daten zusammenführen, Beziehungen visualisieren und Muster sichtbar machen, die man manuell schwer erkennen würde. Das ist unbestritten ein großer Mehrwert. Problematisch wird es dort, wo Technik als vermeintliche Abkürzung verstanden wird: als Ersatz für Erfahrung, kriminalistische Bewertung oder strategisches Denken. Kein Tool „erkennt“ eine Gefahr, kein Algorithmus versteht Tatmotive, und keine Plattform trifft rechtlich verantwortbare Entscheidungen. Tools sind wie der Name schon sagt, Werkzeuge, die uns helfen und Hinweise liefern können. Die Bewertung dieser Hinweise ist und bleibt aber menschliche Aufgabe.

Analyse braucht Zeit, Ausbildung und Personal
Analyse ist kein Nebenprodukt, das „nebenbei“ entsteht, dieser Aspekt wird leider zu oft übersehen. Wer Daten sinnvoll auswerten und analysieren will, braucht:

  • fachlich qualifizierte Analystinnen und Analysten
  • Zeit für saubere Bewertung statt schnellen Aktionismus
  • Verständnis für statistische Verzerrungen, Datenlücken und Kontext
  • Wissen über Biases und 
  • die Fähigkeit, technische Ergebnisse kriminalistisch einzuordnen

Ohne diese Kompetenzen drohen Fehlinterpretationen, falsche Prioritäten oder eine trügerische Sicherheit durch scheinbar objektive Ergebnisse. Ein schlecht verstandenes Tool ist im Zweifel gefährlicher als gar kein Tool.

Brandenburg als Beispiel einer bundesweiten Debatte
Auch die jüngste Diskussion in Brandenburg zeigt, wie emotional und verkürzt diese Themen häufig verhandelt werden. Einerseits besteht Einigkeit darüber, dass Analyseplattformen notwendig sind, um moderne Polizeiarbeit insbesondere vor dem Hintergrund ständig wachsender Datenmengen zu ermöglichen. Andererseits entzündet sich die Debatte stark an der Frage des Anbieters. 

Palantir gilt technisch als leistungsfähig, stößt jedoch aufgrund seiner Herkunft, seiner Unternehmensphilosophie und datenschutzrechtlicher Bedenken auf erhebliche Ablehnung. Die Forderung nach einer „europäischen Lösung“ ist deshalb politisch nachvollziehbar und sinnvoll. Gleichzeitig muss man nüchtern feststellen: Eine solche vollwertige europäische Alternative existiert derzeit nicht. Der Ruf nach digitaler Souveränität ist richtig - er ersetzt jedoch keine kurzfristig einsatzfähige Lösung und schon gar nicht den Aufbau analytischer Kompetenz innerhalb der Polizei selbst.

Technikdebatte verdrängt Strukturprobleme
Die starke Fokussierung auf Software lenkt von wichtigen strukturellen Fragen ab:

  • Wer wertet die Ergebnisse aus?
  • Wer trägt die Verantwortung für Schlussfolgerungen?
  • Wie werden Analyseergebnisse überprüft und hinterfragt?
  • Wie wird verhindert, dass Technik zur Blackbox wird?

Selbst die beste Plattform bleibt wirkungslos, wenn es an Personal, Schulung oder klaren Prozessen fehlt. Analyse funktioniert nicht auf Knopfdruck, sondern ist ein kontinuierlicher, reflektierter Arbeitsprozess.

Rechtsstaatlichkeit braucht menschliche Kontrolle
Gerade im Polizeibereich ist Analyse immer auch ein Grundrechtsthema. Je leistungsfähiger Werkzeuge werden, desto wichtiger ist menschliche Kontrolle. Nur Menschen können im Einzelfall abwägen, was rechtlich zulässig, verhältnismäßig und sinnvoll ist. Automatisierte Vorschläge dürfen niemals zur automatisierten Entscheidung werden. Deshalb ist es nicht ausreichend, über Software zu sprechen, ohne gleichzeitig über rechtliche Rahmenbedingungen, Transparenz, Kontrollmechanismen und Verantwortlichkeiten zu reden.

Analyse ist mehr als Software
Die Debatte um Analysetools sollte sich von der Illusion lösen, Technik könne strukturelle Defizite ersetzen. Moderne Polizeiarbeit braucht leistungsfähige Werkzeuge, gut ausgebildete Menschen, klare rechtliche Grundlagen und ausreichend Zeit für fundierte Analysen. Wer nur über Software spricht, verkennt den Kern des Problems. Denn Analyse ist keine Frage der Plattform — sondern der Kompetenz.

Foto von Haupes auf Unsplash

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